Mooshausen Medien » Bücher


Sylvesterbetrachtungen für Radio Vatikan 2001-2016

Hg.: Freundeskreis Mooshausen e.V.

Edition Mooshausen - Eigenverlag Freundeskreis Mooshausen e.V.

Edition Mooshausen, 1. Auflage 2016, 88 Seiten, ISBN 978-3-946578-02-4

Nur erhältlich beim Freundeskreis Mooshausen e.V. während der Veranstaltungen im Alten Pfarrhaus von Mooshausen zum Selbstkostenpreis von 6 € (Spenden erbeten).

Der Autor, Prof. Wuermeling († 31.1.2019), war der Ehemann unserer 1. Vorsitzenden Frau Prof. H.-B. Gerl-Falkovitz


Hans-Bernhard Wuermeling wurde 1927 in Berlin-Schöneberg geboren. Nach seinem Studium der Medizin in Marburg und Tübingen erhielt er 1953 die Approbation und promovierte noch im gleichen Jahr. Am Institut für gerichtliche Medizin in Freiburg, wo er sich 1966 habilitierte, bildete er sich zum Rechtsmediziner weiter. Von 1974 an bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 2002 hatte er den Lehrstuhl für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg inne und leitete das dortige Institut. 1982 wurde Wuermeling Vizepräsident der Universität Erlangen-Nürnberg, 1986 in den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer berufen und 1987 zum Präsident der neu gegründeten Akademie für Ethik in der Medizin. Ferner war er zwei Jahre Mitglied im Nationalen AIDS-Beirat und ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Von 1988 bis 1999 war Wuermeling Vorsitzender der Ethik-Kommission der Bayerischen Landesärztekammer. 2012 wurde Wuermeling mit der Paracelsus-Medaille ausgezeichnet, der höchsten Ehrung der deutschen Ärzteschaft. Er ist Mitglied der Katholischen Ärztearbeit Deutschland e.V. und dort Vorsitzender der Programmkommission. Seit 1989 kann man traditionell am 31. Dezember Hans-Bernhard Wuermelings „Betrachtung zu Sylvester“ auf dem Radiosender Radio Vatikan (www.radiovaticana.org) hören.

In diesem Buch werden 15 leicht überarbeitete Texte der letzten Jahre mit den Bildern, von denen die Betrachtungen ausgehen, zum Nachlesen und Betrachten vorgelegt.


Inhalt

2001  Tazza Farnese  – 5

2002  Knoten – 13

2004  Nepomuk – 19

2005  Die Himmelsscheibe von Nebra – 25

2006  Hieronymus Bosch, Kind mit Windrädchen – 31

2007  Anna Selbdritt – 37

2008  Verwirrte Buchstaben – 43

2009  Die Krankenheilung von Fugel in Wangen – 49

2010  Hans Baldung Grien, Amor mit brennendem Pfeil – 55

2011  Die Löwenkanzel in Ravello – 61

2012 Epiphanie-Mosaik in Heiligenkreuz – 67

2013  Katharina von Alexandrien im Klosterdorf Windberg – 71

2014  Das Schmiedefenster im Freiburger Münster – 75

2015  Non plus ultra – plus ultra. Die Säulen des Herkules und Laudato si – 81

2016  Adams Nabel und Evas Apfelbiss – 85


Leseprobe

2002

Knoten im Campo Santo Teutonico und anderswo

Links neben dem Petersdom bewachen die Schweizer Gardisten in ihren malerischen Uniformen den Eingang zum Vatikan. Aber auf unser Zauberwort „Campo Santo Teutonico“ geben sie salutierend den Weg frei, dahin nämlich, wo seit den Zeiten Karls des Großen, also seit zwölf Jahrhunderten bis heute, „Teutones in pace“, Deutsche ihre Friedhofsruhe im Schatten des Petersdomes finden, der Dichter Stefan Andres als einer der letzten. Zum Friedhof gehört die Kirche Santa Maria della Pietà. Wegen einer Marmorplatte suchen wir sie auf, die die Vorderseite ihres Altares bildet. Davon soll unsere Betrachtung ihren Ausgang nehmen.

Der weit mehr als zwei Meter breite Stein war über viele Jahrhunderte mit seiner jetzt nicht sichtbaren Seite als Grabplatte vermauert gewesen. Dadurch ist ihre jetzt sichtbare Seite mit ihrem frühmittelalterlichen Schmuck erhalten geblieben. Da bildet ein Flechtwerk aus Bändern den vielfach unterteilten Rahmen für insgesamt drei mal neun, also siebenundzwanzig schlichte bildliche Darstellungen: Stilisierte Vögel, Rosetten, Trauben, ein Kreuz, Blumen, einen Krebs, Sonne und Mond erkennt man. Aber es geht jetzt nicht um die schwer deutbaren Symbole für das Heilsgeschehen, sondern um ihren Rahmen. Dieser besteht aus vielen längeren und kurzen, jeweils in sich geschlossenen Schlingen, die kunstvoll miteinander verflochten, ja regelrecht verknotet sind. Warum aber hat der frühmittelalterliche Künstler seine Bildsymbole in ein System von Knoten eingerahmt und eingeflochten? Unwillkürlich wird man an die von Knoten durchsetzten Illuminationen der alten keltischen Bücher erinnert, aus denen die Initialen der Texte der Evangelien herauswachsen. Paul Wilhelm Wenger, der wortgewaltige Staatsanwalt und Redakteur des Rheinischen Merkur – Ältere werden sich noch an ihn erinnern -, hat diese Knoten als die Darstellung der verworrenen und heillos in sich verschlungenen, verhedderten und verstrickten Welt gedeutet, aus der das Wort des Evangeliums erlösend herausführt. So mögen sich auch die Paradiessymbole auf unserer Marmorplatte, die wahrscheinlich einmal als Chorabschrankung gedient hatte, paradiesische Freiräume inmitten eines weltlichen Knotengewirrs geschaffen haben, inmitten aller Verstrickungen von Schuld und Sühne, von Leid und Tod. So gesehen haben Knoten den Aspekt der Fessel, der Einengung, des Verhaftetseins und der Freiheitsbeschränkung. Solche unlösbaren schlimmen Knoten rufen geradezu nach einem, der, wie Alexander der Große, den Gordischen Knoten mit seinem Schwert durchhaut, gewalttätig also, so dass die Fetzen fliegen und das Band, aus dem der Knoten geknüpft war, zerstückelt und zerstört und unbrauchbar wird und mit ihm die ganze Welt, die es eingebunden hat.

An dieser Stelle unserer Betrachtung wechseln wir nun einfach den Ort und finden uns gleichsam flugs in Augsburg in der Kirche St. Peter am Perlach. Dort gibt es ein barockes Altarbild von Christoph Thomas Schaffler. Es stellt Maria dar, umgeben von Engeln, stehend auf der Mondsichel, die Schlange des Bösen zertretend, über sich die Taube des Hl. Geistes. Aber ikonographisch einzigartig ist, dass ihr ein übel verknäueltes und verknotetes Band von links her von einem Engel angereicht wird. Mit leichter Hand entwirrt sie es und lässt es hübsch geglättet und gerade nach rechts hinüber in die Hand eines weiteren Engels gleiten. „Maria Knotenlöserin“ heißt das eigenartige Bild. Es will augenfällig bekunden, dass es der falsche Weg ist, die beengenden Knoten unserer irdischen Existenz gewaltsam mit dem Schwert zu zerhauen. Maria löst diese Knoten dagegen klug und geduldig. Sie kann das als diejenige, deren sich Gott zu unserer Erlösung bedient hat. Josef Weiger, den Pfarrer von Mooshausen im schwäbischen Allgäu, hat dieses auch für ihn bei der ersten Begegnung überraschende Bild zu einem Gedicht veranlasst, das in unserer Knotenbetrachtung nicht fehlen darf. Die schlichten Worte lauten:

Maria vom Knoten, wer hätt‘ das gedacht,
zum erstenmal heut warst du mir gebracht.

Maria vom Knoten, wer horchte nicht drauf,
der Knoten sind viel, die gehen nicht auf.

Maria vom Knoten, wie tröstlich das klingt,
es gibt eine Hand, die Knoten entschlingt.

Maria vom Knoten, den Knäuel hier schau,
ich bring ihn nicht auf, hilf, heilige Frau!

Maria vom Knoten, der Knäuel bin ich,
ins Letzte verwirrt, o erbarme dich!“

„Der Knoten bin ich“, sagt Pfarrer Weiger – der Mensch sein eigenes, rätselvolles, an sich leidendes Problem.

Die religiösen Darstellungen auf der Steinplatte im Campo Santo Teutonico und in der Knotenlöserin, der Mutter vom guten Rat, in Augsburg zeigen ebenso wie die keltischen Illuminationen erlösende Darstellungen aus den Verknotungen des Irdischen. Aber es gibt auch noch ganz andere Knoten. Solche, die die Menschen nicht als das verstanden haben, wovon und woraus sie erlöst werden müssten, sondern vielmehr als Darstellungen der Erlösung selbst. So wie in dem alten Gedicht „Ich bin din, du bist min“ von der „Verknotigung“ der Liebe die Rede ist, so symbolisieren diese Knotendarstellungen die erlösende Verknüpfung von Himmel und Erde, von Gott und Mensch, christlich gesprochen die liebende Zuwendung Gottes zum Menschen, indem der Gottessohn sich einschlingt und einschlingen lässt, geradezu einknotet. Um solch einen Knoten zu sehen, kann man sich nach San Zeno in Verona oder besser noch in den Georgenchor des Bamberger Domes begeben. Denn dort formen sich in einzelnen steinernen Säulenbündeln regelrechte Knoten. Genau betrachtet werden sie dadurch gebildet, dass von unten aufsteigende Stränge je eine Schlinge bilden, die Knotenfachleute sagen eine „Bucht“, und wieder nach unten ziehen. Und umgekehrt kommen von oben Stränge herab, bilden ebenfalls Buchten und steigen wieder auf. Keiner der Stränge von oben berührt auch nur einen der Stränge von unten oder geht etwa ganz darin über; aber die jeweils von ihnen gebildeten Schlingen sind durch ein vielfach gewundenes, in sich geschlossenes Steinband unauflöslich miteinander verknotet. Der Himmel wird damit an die Erde und die Erde an den Himmel angebunden. Der Mensch, von unten kommend, wird von dem in die Welt gekommenen Gottessohn verlässlich von oben gehalten. Jene steinernen Knoten in San Zeno in Verona und im Bamberger Dom kann man als Zeichen dafür ansehen, dass der der Welt verhaftete Mensch aus irdischer Materie durch den Gottessohn als Mittler von Gott gehalten wird. Man kann aber in der Deutung  ohne allzu große religiöse Bemühung noch weitergehen und das in sich geschlossene Band, das die von oben kommenden himmlischen Stränge der Säulen mit ihren von unten kommenden irdischen Strängen kunstvoll und unlösbar verknüpft, auch als ein Sinnbild für den Menschen ansehen. Wir wissen sicher von ihm, dass er sich nicht im Irdisch-Materiellen erschöpft, sondern vielmehr in eine über die Materie hinausgehende Welt eingebunden ist, was eben seine Würde ausmacht.

Der Satz von Pfarrer Weiger „Der Knoten bin ich“ ist also nicht nur der Notruf des Menschen in den Verstrickungen dieser Welt. Sondern dieser Satz kann auch der Jubelruf des gottgeschaffenen und, sofern er sich als Christ versteht, des erlösten Menschen sein, der sich seiner re-ligio, seiner Rückbindung, seiner Anbindung an den Schöpfer dieser Welt erfreut.

Die Knoten in Bamberg und Verona, die Knotenlöserin in Augsburg, die keltischen Knoten und die im römischen Campo Santo Teutonico, sie alle sind verbindende Strukturen. Die einen erschienen uns wie Fesseln, die es zu sprengen gilt. Die anderen erscheinen uns eher als das, woran und womit man sich halten kann. Für die Menschen kommt es darauf an, einerseits die sie fesselnden Knoten in ihrem Lebensweg zu lösen, und andererseits, dass sie die ihnen haltgebenden Knoten begreifen und finden, Knoten und Bindungen, die ihnen Sicherheit verleihen. Wichtig bleibt dabei, zu erkennen, welche Knoten vorsichtig zu lösen sind und welche man kräftig festzurren muss.