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Ruth Schaumann (1899 Hamburg-1975 München)

Zu den künstlerischen Beständen von Mooshausen kam 2020 ein umfangreicher Nachlass der Dichterin und Bildhauerin hinzu.

Ein großer Besitz von Gemälden, Radierungen, Zeichnungen, KPM-Geschirr, Plastiken und Dokumenten, insgesamt 85 im Inventar ausgewiesene Stücke, wurde im Juni 2020 vom Zisterzienserinnen-Kloster Marienthal an der Neiße an den Freundeskreis Mooshausen übergeben. Der reiche Schatz enthält den Nachlass von P. Robert Maria Wagner, ebenfalls Zisterzienser, der in Marienthal als Spiritual wirkte und seit seiner Jugend mit Ruth Schaumann in Verbindung stand und 16 Jahre lang in der Gehörlosenseelsorge wirkte. In den Dokumenten sind entsprechend viele Briefe an ihn enthalten.

Wir freuen uns sehr, im Freundeskreis Mooshausen eine so große Gabe erhalten zu haben und danken der Äbtissin und dem Konvent von Kloster Marienthal noch einmal herzlich dafür!

Zwischen Pfarrer Josef Weiger und Ruth Schaumann bestand eine Verbindung, die zum Entwurf der Künstlerin für den „Traghimmel“ am Fronleichnamsfest führte. Die Motive sind Brot und Wein, in feinen Stickereien an den vier Seiten des Traghimmels ausgeführt und ebenfalls im Besitz des Freundeskreises.

Wer war die Künstlerin Ruth Schaumann?

„Geboren, um zu sterben – Braut, dann Fraue, nun Witwe, Mutter von fünf Kindern, greisend – So wißt Ihr alles. Ich vertraue: Bin Gott beweisend.“ In diesen wenigen herben Worten hat Ruth Schaumann ein Selbstbildnis an der Schwelle zu ihrem 50. Geburtstag entworfen. Ihr hartes und doch glückliches Geschick, ihre Gläubigkeit und ihr Dichtertum sind in dieser Aussage zusammengefaßt, die in ihrer Gedrängtheit an Matthias Claudius erinnert.      

Am 24. August, dem Tag des Apostels Bartholomäus, „dem die Haut  abgezogen wurde“, wurde Ruth Schaumann 1899 in Hamburg als zweite Tochter eines Offiziers geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Hagenau im Elsaß, des geliebten Vaters Garnisonsstadt, und im niedersächsischen Uelzen, wo die Familie der Mutter ein großes Mühlenwerk besaß. Szenen dieser Kindheit sind in dem teils autobiographischen Buch Amei (1932) und in dem späteren Werk Das Arsenal (1968) geschildert. Infolge einer Scharlacherkrankung verliert die Sechsjährige für immer ihr Gehör; von nun an ist die Beschäftigung mit körperlichem und seelischem Leid ein grundlegendes Thema ihrer Weltbeschreibung. Sie lernt so vollkommen von den Lippen abzulesen, daß vielen Besuchern ihre Behinderung nicht auffiel. Sie selbst aber vermißte die Welt der Töne bis an ihr Lebensende schmerzlich; einer der großen Eindrücke des Kindes war eine Beethovensonate auf dem elterlichen Flügel, unter den gekauert die Kleine hingerissen lauschte.

Als Ruth Schaumann 1917 – nachdem ihr Vater vor Verdun gefallen war – nach München mit seiner katholischen Atmosphäre ging, um sich auf einen künstlerischen Beruf vorzubereiten, begann sie im Empfinden tiefer Vereinsamung Gedichte zu schreiben, die in dem Erstlingsband Die Kathedrale (in der berühmten expressionistischen Reihe Der JüngsteTag) 1920 herauskamen. 1924 und 1926 folgten die vielbeachteten Gedichtbände Der Knospengrund und Das Passional. 1920 schuf sie die erstaunliche Holzplastik (heute in den USA) einer Verkündigung, worauf der Engel hinter Maria stehend die auf die Knie Gesunkene stützt. Der Münchner Professor Joseph Wackerle nahm sie daraufhin als Meisterschülerin an der Akademie für bildende Künste an.Fortan gingen Plastik und Dichtung nebeneinander her, „aber die Dichtung blieb doch die Erstgeburt“. 1923 stellte der Schriftleiter des Hochland, Dr. Friedrich Fuchs, die junge Künstlerin der Öffentlichkeit in einem rühmenden Artikel vor. Auch der Jesuit und Kulturkritiker Erich Przywara wird 1928 Ruth Schaumann in seinem Buch Ringen der Gegenwart als neue schöpferische Kraft in der christlichen Kunst herausstellen. 1924 vollzog Ruth Schaumann den Schritt in die katholische Kirche, womit sie sich in die Reihe großer Konvertiten der Nachkriegszeit und der 20er bis 30er Jahre einreihte: Theodor Haecker 1921, Edith Stein 1922, G. K. Chesterton 1922, Sigrid Undset 1924, Gertrud von le Fort 1926, Richard Seewald 1928, Erik Peterson 1930,Werner Bergengruen 1936. Im selben Jahr 1924 schloß sie die Ehe mit Dr. Friedrich Fuchs und gebar fünf Kinder. Die Erinnerung an die Ehejahre ist in dem erst postum veröffentlichten umfangreichen Werk Der Kugelsack (1999) festgehalten.

1932 erhielt Ruth Schaumann als erste Frau den Dichterpreis der Stadt München. Der endgültige Schritt in die Berühmtheit war ihr in demselben Jahr gelungen mit Amei, jenem erstaunlichen Buch, in dem die Welt mit den Augen eines – häufig unterschätzten und mißverstandenen – Kindes traumhaft sicher wahrgenommen wird, in Jubel, Zorn, Trauer, Ahnung und Erraten der von den Erwachsenen veschwiegenen Dinge. Dank der zahlreichen Auflagen konnte sie sich und ihrer wachsenden Familie das „Amei-Haus“ in Nymphenburg in der Renatastraße kaufen. Übrigens wurde sie später durch die Nazi-Zensur aufgefordert, ein Kapitel aus dem Buch zu streichen, in dem sie eine liebevolle Schilderung eines kleinen jüdischen Buben vorgenommen hatte; es gehört zu ihrem Ruhm, daß sie sich weigerte, obwohl sie deswegen keine Papierzuteilung mehr für eine weitere Auflage erhielt. Dieses eigentliche Meisterwerk verdiente heute einen Nachdruck. Allgemeine Bekanntheit errang sie außerdem mit der Aufnahme ihres Märchens Der Petersiliengarten in die Inselbücherei und den Erzählungen Die Zwiebel und Ave von Rebenhagen in Reclams Klassikerbibliothek, jeweils mit eigenen Illustrationen und in hohen Auflagen.   

Als ihr Gatte 1935 unter dem Druck der Nazis entlassen wurde, mehr noch, als er 1948 unerwartet starb,  mußte die Künstlerin mit ihren Arbeiten die große Familie ernähren. Sie schuf eine Überfülle von Plastiken monumentalen wie zierlichen Ausmaßes, großflächige Gemälde und Miniaturen, Terrakotten, Bronzen (darunter einen wundervollen Kopf der Mechthild von Magdeburg in mystischer Entrückung), Holzschnitzereien, Glasfenster (z.B. in Landstuhl/Pfalz), Federzeichnungen, Scherenschnitte, Holzschnitte (etwa zum Heliand und zum Vaterunser), Grabsteine, kleinformatige Andachtsbildchen, zauberhafte, ausnahmslos runde Ex libris. Kostbar und nur noch in wenigen Exemplaren erhalten ist ein reizendes Fischservice, das für die Königlich-Preußische Manufaktur entworfen wurde; im Krieg wurden die Entwürfe und Vorlagen sämtlich zerstört.

Diese bildnerische Fülle wurde immer begleitet von lyrischen Eingebungen und von Prosawerken, darunter die berühmt gewordenen Romane Yves (worin die Freigabe eines unehelichen Kindes nach der Geburt und die spätere Sehnsucht der Mutter nach diesem Kind geschildert wird), Die Uhr (worin ein Fall von Euthanasie „aus Liebe“ vorkommt) und Die Übermacht (worin das Kind, das aus einer Vergewaltigung entstand, als reifer Mann und Bischof den Kampf seiner Mutter gegen ihre Entehrung erzählt). Töne der Mystik und der Legende kennzeichnen viele kleine Erzählungen und auch Kinderbücher wie Lorenz und Elisabeth. Die Geheimnisse um Vater Titus, neu aufgelegt, sind ein wundervolles, dazu spannendes Buch zur Erstkommunion. In einem späten Brief notierte Schaumann, es seien „89 Bücher auf dem Büchermarkt gewest und verwest“.

Die vielseitige, von ihren Gaben fast bedrängte Künstlerin starb am 13. März 1975 in München und wurde auf dem Nymphenburger Winthirfriedhöfchen beerdigt, nahe dem Grab des priesterlichen Dichterfreundes Peter Dörfler, dessen Grabstein sie auch gestaltet hatte. Dörfler hatte Schaumanns großformatige Werkblätter, erschienen 1925 im Verlag von Burg Rothenfels, eingeleitet.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg teilte Schaumann das Los fast aller christlichen Dichter, die spätestens durch das Verdikt der „Gruppe 47“ als nicht mehr zeitgemäß dem Vergessen überantwortet wurden. In den letzten Jahrzehnten wurde Schaumann kaum rezipiert. Allerdings hat die Stadt München sie als Dichterin 2001 mit einer Ausstellung der Monacensia geehrt, und in Mooshausen wurde in einer Tagung vom 11-13. März 2005 an sie mit einer kleinen Ausstellung und mit Vorträgen erinnert, eingeschlossen das Gedächtnis an ihren Ehemann Dr. Friedrich Fuchs vom „Hochland“.

Wir werden auf unserer Webseite nach und nach einige der uns geschenkten Kunstwerke zugänglich machen. Außerdem hoffen wir, sie im Pfarrhaus selbst in Auswahl abwechselnd vorstellen zu können.