Mooshausen Medien » Enzyklika LAUDATO SI' von Papst Franziskus 06/2015

Es war bekannt, daß Papst Franciscus in St. Georgen/Frankfurt über Romano Guardinis „Gegensatz“ eine Dissertation plante. Dazu ist es zwar nicht gekommen, aber offenbar hat der Papst Guardinis Denken schätzten gelernt. In der Enzyklika „Laudato si“ greift er nun auf das berühmte Werk Guardinis vom „Ende der Neuzeit“ (1950) zurück. In insgesamt acht Zitaten verdeutlicht er um sein Anliegen einer Kritik der Technik, die sich vom Dienst am Menschen entfernt hat. Allerdings zeigt der Artikel, daß Guardini nicht nur warnend, sondern auch konstruktiv auf Technik verweist. Der Mensch muß lernen, der Herausforderung durch Technik standzuhalten, nicht sie zu verwerfen.


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LAUDATO SI‘ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus


Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

“Das Ende der Neuzeit“

Papst Franciscus als Leser Guardinis

 

Veröffentlicht in „Die Tagespost“, Würzburg, 7. Juli 2015

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Schon Papst Benedikt hatte häufig auf Romano Guardini (1885-1968) verwiesen, den er in der Münchner Nachkriegszeit als eindrücklichen Lehrer erlebte. Die Enzyklika Laudato si’ zitiert Guardini gleichfalls als Autorität mit dem berühmten Werk „Ende der Neuzeit“ von 1950. In den acht Zitaten geht es um die Weltveränderung durch Technik; sie greife nach „den Elementen der Natur, aber auch des Menschendaseins“ (108), ohne daß man bereits Macht über die Macht gewonnen habe. Guardinis Gedanken werden ausgebreitet im dritten Kapitel über „Die menschliche Wurzel der ökologischen Krise“ und im letzten sechsten Kapitel über „Ökologische Erziehung und Spiritualität“.

Die ersten drei Zitate stehen im Umfeld technischen Machtgewinns, von der Atomenergie, Biotechnologie und Informatik bis zur DNA-Kenntnis, verbunden mit dem warnenden Hinweis, gerade die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts hätten sich technischer Kenntnisse zur Massenvernichtung bedient. Mit Guardini wird unterstrichen (105), Macht verheiße offenbar große Werte, gipfelnd in „Lebenskraft“ und „Wertsättigung“ des Daseins. Aber die mangelnde Erziehung zur Macht setze der Freiheit keine Normen, rufe weder Verantwortung noch tiefer erfaßten Wert noch Gewissen auf, setze vielmehr alles auf „Nutzen und Sicherheit“. So bleibe die Steuerung des „Fortschritts“ blind und ohne Selbstbeschränkung.

Weiter wird mit Guardini betont, daß die instrumentelle Vernunft kraft ihrer Logik den Menschen zu beherrschen beginnt. Anstelle von „Nutzen“ und „Wohlfahrt“ greift ihre Herrschaft bis in die Elemente der Natur und des Menschen selbst (108) – als sei Natur ein gleichgültiger Stoff für menschliches Werk, ohne eigene Norm und „lebendige Bergung“ (115). Diese Wertverkennung schlägt zurück auf den Nutzer selbst: Ihm werden umgekehrt Dinge und Lebensformen aufgenötigt, die er bedenkenlos gebraucht (203) – in einem „zwanghaften Konsumismus“ des Unnötigen, so die Enzyklika. Letztlich, wieder Guardini, reiche eine Umkehr weit über den ethischen Entschluß des Einzelnen hinaus und fordere eine gemeinschaftliche „Sammlung der Kräfte und Einheit der Leistung“ (219).

All diese Beobachtungen können Zustimmung finden, um so mehr, als sie durch spätere namhafte Kulturkritik (duch Adorno, Habermas, Botho Strauß) untermauert sind. Daher traf ja auch das Anliegen der Enzyklika überwiegend auf offene Ohren. Dennoch sollte noch ein zweiter Blick in „Das Ende der Neuzeit“ geworfen werden. Denn die Auswahl der Zitate läßt nicht genau erkennen, daß Guardini zwar das Zerstörerische der Technik sah, aber letztlich doch zu ihrem Bestehen aufrief, ja ein „Zeichen der Zeit“, sogar „Großes“ darin heraufkommen sah und jenen „neuen Menschen“ zeichnete, der sie bestehen müsse.

 „Das Ende der Neuzeit“ wurde unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg bereits in Guardinis Tübinger Vorlesungen (1945-48) entwickelt, gefolgt von dem Titel „Die Macht“ (1951). Beide Arbeiten stehen im Rahmen der schon früh einsetzenden Kulturkritik Guardinis, die nun aber deutlich verschärft wird. Seit den „Briefen vom Comer See“ (1923-25) stellte Guardini die Frage nach den Gründen des Kulturzerfalls, der Naturvernichtung, der seelischen Ortlosigkeit, der geistigen Barbarisierung. Tiefster geistiger Grund dafür sei die Selbstherrlichkeit der Neuzeit, jene „Hybris der Autonomie“, die der Maschine und der Macht anheimgefallen sei.

Die wahrgenommenen Zerstörungen laufen aber nicht auf Spenglers „Untergang des Abendlandes“ hinaus. Nicht Trauer, Verweigerung, Rückkehr zum Vorindustriellen, zur „Natur“, auch nicht Rücknahme oder gänzliche Absage an Technik sind die Lösung: „Ich weiß, was da heraufdrängt, hat auch anderes in sich. (…) Etwas Großes, Kommendes, das deutlich wird, später einmal…“ Wider Erwarten, wider seine eigene Bitterkeit faßt Guardini Stand. Er löst sich aus dem Bann des Niederziehenden, das gleichermaßen Denken und Handeln in die Haltung des Vergeblichen oder der Flucht drückt. Der neunte und letzte Brief vom Comer See endet erstaunlich: mit dem Entwurf – gleichsam gegen das eigene Herz – des Neuen aus dem Ungebändigt-Chaotischen selber. Und Meisterung beginnt mit dem Formulieren des richtigen Gedankens, der dem Fassungslosen die Fassung gibt. Das „Neue wirkt zerstörend, weil der Mensch, der zu ihm gehört, noch nicht da ist“.

Welches sind die not-wendenden Haltungen der Zukunft? Grundhaltung ist ein Ja zur eigenen Zeit, zu dem Nichtgebändigten in ihr. Und sie ist ein Ja zur Neuformung des Menschen, über das Alte und Erprobte hinaus. „Unser Platz ist im Werdenden. Wir sollen uns hineinstellen, jeder an seinem Ort. Nicht uns gegen das Neue stemmen und eine schöne Welt zu bewahren suchen, die untergehen muß. Auch nicht abseits, aus phantasierter Schöpferkraft eine neue bauen wollen, die gleich von den Schäden des Werdenden frei sein möchte. Wir haben das Werden umzuformen. Das aber können wir nur, wenn wir ehrlich unser Ja dazu sprechen; doch zugleich mit unbestechlichem Herzen fühlend bleiben für alles, was darin zerstörend, unmenschlich ist. Unsere Zeit ist uns gegeben als Boden, auf dem wir stehen, und als Aufgabe, die wir bewältigen sollen. Und im tiefsten wollen wir sie auch gar nicht anders. Unsere Zeit – das ist keine äußerliche Bahn, in der wir laufen. Unsere Zeit, das sind wir selbst!“

Das Standfassen geschieht wissend, nicht wünschend. Es hat Klärung über sich selber und das Chaotische zu leisten. Zu dem Wissen aber gehört, daß Wissenschaft und Technik nicht selbst widerchristlich sind, schon deshalb nicht, weil sie erst durch die geistige Haltung des Christentums, das „Freilassen“ des Menschen gegenüber der Welt, möglich wurden. Guardini bemüht sich um den wesentlichen Zusammenhang, den geistigen Bezug von Christentum und Weltbeherrschung, der einer neuen Freiheit des Menschen entspricht, welcher die gewonnenen Kräfte dann freilich tragisch entglitten. „Erst ein Mensch, dem die Gottunmittelbarkeit der erlösten Seele und die Würde des Wiedergeborenen das Bewußtsein eingewirkt hat, daß er anders ist als die Welt ringsher – dieser erst konnte sich derart aus der Naturverbundenheit herausstellen, wie es der Mensch des technischen Zeitalters getan. (…) Aber freilich, jene Kräfte haben sich aus der Hand der lebendigen Persönlichkeit gelöst oder sollen wir sagen: Diese hat sie nicht halten können? hat sie fahren lassen? und so verfielen sie der Dämonie der Zahl, der Maschine, des Herrschaftswillens …“

Dämonie wird nur von etwas bewältigt, was tiefer reicht als sie, also von einer neuen Kraft, die die alte, der Verführung nicht gewachsene, aufnimmt und übertrifft. Der Mensch ist zur Neuwerdung gefordert, um das „neue Chaos“ zu formen, aus „tieferer Geistigkeit, neuer Freiheit und Innerlichkeit, neuer Geformtheit und Formungskraft. (…) Was wir brauchen, ist nicht weniger Technik, sondern mehr. Richtiger gesagt: Eine stärkere, besonnenere, ‚menschlichere’ Technik. Mehr Wissenschaft, aber geistigere, geformtere.“

So werden mit merklichem Ernst fünf Wegweisungen des kommenden Menschen gegeben. Die letzte lautet: „Es muß möglich sein, den Weg des Technischen zum sinngemäßen Ziel zu gehen, die technischen Mächte in ihrer ganzen Dynamik sich entfalten zu lassen, auch wenn dabei die alte organische Ordnung zerfällt. Zugleich aber eine neue Ordnung, einen neuen Kosmos von einem diesen Mächten gewachsenen Menschentum her zu schaffen.“

Guardinis innerer Kampf ist wohl am besten ausgesprochen, wo er die Überwindung der Seele und des Herzens durch die Notwendigkeit des Kommenden fordert: „Die Seele ist uns berührt von einem Großen, das heraufkommen will. Und das, obwohl wir die Fragwürdigkeit spüren, und obwohl uns die Köstlichkeit des Alten hell leuchtet.“

 „Das Ende der Neuzeit“ wird ein noch tieferer Orientierungsversuch über die Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Dem Daseinsgefühl des „alten Menschen“ liegt nach Guardini zugrunde das Empfinden einer maßvollen Endlichkeit, einer Bergung. Ihr tritt die neuzeitliche Unendlichkeit gegenüber, ein Maßverlust, der sich dreifach artikuliert: in der Autonomie der Natur als „Göttin“ und lenkender Macht, in der Autonomie des Subjekts und in der Autonomie der Kultur als der wertetragenden, vom Menschen geschaffenen zweiten Natur.

Guardini sieht in der selbstgesetzlichen Ablösung vom Tragend-Göttlichen die Gefährdung angelegt: weil die Begründung der Werte ausschließlich aus dem erfahrenen Diesseits, aus der „Natur“ ihre Stichhaltigkeit bei genauem Nachfragen verliert. Insbesondere fußen Technik und Naturwissenschaft nicht auf Wertvorgaben. Trotzdem könnte die Bedrohung der Person zugleich ihre Chance werden: Gefordert ist eine neue Entschiedenheit gegen das durchbrechende wert-ferne Kollektiv. Es sind drei Haltungen: Wahrheit, Tapferkeit und Vertrauen, die in dieser Epochenwende eine not-wendige Bedeutung erlangen. Mit ihrer Entfaltung wird das Christentum zu seiner heutigen Aufgabe finden, ja gedrängt werden.

Vermutlich wird die reiche und freie Fülle der Persönlichkeit untergehen, aber Person als Gegenüber zu Gott, in unverlierbarer Würde, in unvertretbarer Verantwortung, wird mit einer geistigen Entschiedenheit hervortreten, wie sie vorher nicht möglich war. So seltsam es klingen mag: Die gleiche Masse, welche die Gefahr der absoluten Beherrschbarkeit in sich trägt, hat auch die Chance zur vollen Mündigkeit der Person in sich. „Wird also hier von einer Nähe des Endes gesprochen, dann ist das nicht zeithaft, sondern wesensmäßig gemeint: daß unsere Existenz in die Nähe der absoluten Entscheidung und ihrer Konsequenzen gelangt; der höchsten Möglichkeiten wie der äußersten Gefahren.“

Der Anlaß, in Tübingen nach Kriegsende über diese Zusammenhänge zu sprechen, war nicht zuletzt, der Jugend „Mut zum Vorangehen“ zuzusprechen, so Guardini 1951 in einem Brief an Josef Pieper. Er berichtet darin von dem besonderen Applaus am Ende einer Vorlesung, der sich auf die Zuversicht dieser Stunde bezog. Guardini stellte sich ernsthaft die Frage, ob er in seiner Neigung zum Vergangenen das Recht habe, zur heutigen Jugend zu sprechen. Dabei könne „es sich natürlich nicht um eine äußerliche Anpassung, sondern nur um die Aufgabe handeln, das mir persönlich Unsympathische in seinem objektiven Recht zu sehen und denen, die nach Lebensalter und Struktur ihm zugehören, zu ihren eigenen Aufgaben zu helfen“. So zwingt sich Guardini ausdrücklich, den Grundton auf die Bewältigung des Kommenden abzustellen. Worum es geht, ist „die Einsicht, daß das Gewesene gewesen ist; die Loslösung von dem, was nicht mehr sein kann und die Bereitschaft für die neuen Aufgaben, auch wenn sie noch so unsympathisch sind. (… ) Die Haltung, die ich meine, darf nicht nur ‚angesichts’ des Neuen, sondern muß ‚aus ihm heraus’, als dem Ort und dem Material der Geschichte entwickelt werden.“

Immer wieder ist bewegend zu lesen, wie Guardini durch seine eigene Trauer hindurch das Neue wachsen sah. Er hat gewissermaßen sein eigenes Herz überwunden, wie er an Pieper schreibt: „Das Ende der Neuzeit“ „sollte den überall wirksamen Romantismus <!>, welcher das als sympathisch Empfundene mit dem historisch oder gar glaubensmäßig Richtigen gleichsetzt, erschüttern.“

Festzuhalten ist: Guardini schrieb sein Buch mit dem Gedanken, „in jeder Zeit die Möglichkeit der Rettung zu sehen“. Den Ausschlag gibt das Motiv: „Die Zuversicht ist mir sehr langsam erwachsen; vielleicht ist sie deshalb so lebendig.“ Gegenüber den wenigen warnenden Zitaten in der Enzyklika scheint gerade diese Zuversicht bedenkenswert. Wenn Guardini eines lehren kann, so ist es die Klarheit des Fragens, das Ins-Auge-Fassen auch des Ungeheuren, die Nüchternheit dem gegenüber, was an der Zeit ist. Denn die Lage „enthält, sobald wir auf das Wesentliche schauen, nicht weniger gute Möglichkeiten, als das vergangene halbe Jahrtausend – letztlich wohl nicht einmal weniger als das Mittelalter.“

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