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Die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp

(1908-1995)


Alle Rechte am Nachlaß von Maria Elisabeth Stapp liegen beim Freundeskreis Mooshausen e.V.



Literatur


Von dem sprechen, was noch nicht erfahrbar ist

Kunst aus christlichem Ursprung

zum 20. Todestag von M.E. Stapp am 26. April 2015

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, aktualisiert von Elisabeth Pregardier

Das Foto (ca. 1955) zeigt M. E. Stapp bei der Gestaltung der Christusfigur für die Christkönigkirche in Ravensburg.

Die vielseitige, besonders im süddeutschen Raum zwischen München und Ravensburg bekannte Künstlerin Maria Elisabeth Stapp wurde am 20. Februar 1908 als ältestes von fünf Kindern in Riedlingen an der Donau unfern von Beuron geboren. Sie wuchs sie in München auf und studierte dort an der Kunstakademie in der Bildhauer-Klasse, was damals für eine junge Frau noch recht ungewöhnlich war; ihr bedeutendster Lehrer war Joseph Henselmann. 1926 wurde sie eine Mitbegründerin des benediktinisch geprägten Säkularinstitutes Venio in München-Nymphenburg, für dessen Kirche sie schon 1927 einen Altar versus populum schuf, also kaum 20 Jahre alt. Für diesen ihren ersten Altar erhielt sie von Kardinal Faulhaber ein Schreiben hoher Anerkennung, woran sie sich immer mit Dankbarkeit und Stolz erinnerte.

Werke formaler Sicherheit

Sie trat jedoch später unter großen Schmerzen wieder aus dem Institut aus. Für das berühmte erste deutsche Oratorium in Leipzig schuf sie eine großartige Statue der heiligen Elisabeth zum Jubiläumsjahr 1931, dem 700. Todestag der Heiligen. Durch seinen Freund Josef Weiger auf die junge Künstlerin aufmerksam geworden, lud Romano Guardini sie 1939 nach Burg Rothenfels ein.

Der damals ebenfalls bekannte und vielgelesene katholische Schriftsteller und Theologe Joseph Bernhart schrieb 1940 einen höchst anerkennenden Beitrag „Über christliche Kunst“ in der anspruchsvollen Kulturzeitschrift „Die Schildgenossen“, worin er Maria Elisabeth Stapp, damals 32 Jahre alt, lobte: „Maria Elisabeth Stapp (…) hat aus ursprünglich treibender Begabung Werke von ungewöhnlicher formaler Sicherheit, Kraft des Ausdrucks und Reinheit der seelischen Mitteilung hervorgebracht. Nennt man ihre lebensgroße, aus einem Stamm geschnittene Heilige Elisabeth für das Leipziger Oratorium, ihren Ofen mit den drei Knaben im Feuer für das Beuroner Kloster, ihr Bildnis eines kleinen Kindes oder den Bruder Konrad in Majolika, so ist auch ihre technische Vielseitigkeit bezeichnet.“ Bernhart arbeitet die Schwierigkeit gerade der christlichen Plastik heraus, das Unsichtbare des Seelischen und des Göttlichen doch in den sichtbaren Ausdruck zu bringen, zusätzlich zu den allgemeinen ästhetischen Gesetzen der Kunst: „Sie sucht vorausnehmend für Auge, Ohr und Herz von dem zu sprechen, was für kein Auge, Ohr und Herz hier und jetzt schon erfahrbar ist.“ Und Bernhart, der selbst ein Mann des Wortes und der Kunst war, fügt würdigend hinzu, die junge Künstlerin reiche „in diese seltene hohe Art“.

Nachdem Maria Elisabeth Stapp 1944 in München ausgebombt wurde, zog sie zunächst in die Heimat ihrer Großeltern nach Ravensburg nördlich vom Bodensee. Schon 1948 richtete sie jedoch auf Einladung von Pfarrer Weiger ein Atelier für Arbeiten in Holz, Bronze, Stein, Majolika und Ton im ländlichen Pfarrhaus von Mooshausen am Illerkanal, wenige Kilometer westlich von Memmingen ein. Sie schuf dort zahlreiche Kunstwerke für Kirchen und Privatbesitz darunter auch treffende Porträtplastiken.

Ihr Atelier wurde, verbunden mit der Gastlichkeit des schönen spätbarocken Pfarrhauses, zum Anziehungspunkt für Kunstfreunde und Künstler, darunter für den Maler Wilhelm Geyer aus Ulm und den nach dem Krieg im schwäbischen Allgäu vorübergehend ansässigen Russen Viktor Ostroumov. Von seiner Hand hängen im Pfarrhaus drei großartige Ölporträts von Maria Elisabeth Stapp aus den Jahren 1947 und 1948. Ihrer durchaus technisch-praktischen Begabung verdankt das Archiv auch Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Romano Guardini in kleiner Runde im Pfarrhaus.

Zu diesem bereits damals ungewöhnlichen Lebenswerk kommt also noch die besondere Örtlichkeit, in der Maria Elisabeth Stapp wirkte: Mooshausen. Seit 1997 ist dort eine Gedenkstätte für Romano Guardini, Josef Weiger und Maria Elisabeth Stapp zugänglich, vor allem wenn dort mehrmals im Jahr eine Tagung des Freundeskreises stattfindet. Denn das Pfarrhaus im Strahlungsfeld der Benediktinerklöster Ottobeuren und Beuron gelegen, stellt ein einzigartiges bauliches und geistiges Denkmal dar, seit Pfarrer Josef Weiger von 1917 bis zu seinem Tod 1966 darin eine Vielzahl von Gästen und Ratsuchenden empfangen hatte. An erster Stelle ist Romano Guardini zu nennen, der Tübinger Studienfreund Weigers, welcher seit 1917 regelmäßig zweimal im Jahr dort Gespräch und Austausch suchte und von 1943 bis 1945 vor dem Bombardement Berlins nach Mooshausen flüchtete. Der geistige Austausch in dieser seltenen Freundschaft ist zu erahnen in Guardinis Briefen an einen Freund (posthum 1976), aber auch in den Übersetzungen John Henry Newmans durch Weigers Haushälterin Maria Theresia Knoepfler (1881–1927) (DT vom 17.8.2007).

In langen Jahrzehnten wurde in der kleinen Zelle des Allgäuer Pfarrhauses das Konzil mit vorbedacht, auch durch Besucher und Anreger wie Joseph Bernhart (dessen Grabmal aus der Hand von Frau Stapp stammt), Manfred Hörhammer und Eugen Jochum. In all diese Freundeskreise war Maria Elisabeth Stapp mit einbezogen. Sie schuf in diesem Hause plastische Porträts von Guardini und Weiger; sie schuf eine Fülle von christlich inspirierten Kleinplastiken, darunter die sonst ganz unbekannten „Handmadonnnen“: in Bronze gegossene, handgroße Figuren einer Mutter mit Kind, die betrachtend zu umfassen sind, daneben freilich auch die lebensgroßen, aus Holz gearbeiteten Marienfiguren, deren eine ebenfalls im Hause aufgestellt ist.

Aber es entstanden auch Marien-Figuren von 30 cm Größe, darunter eine wunderbare Pietá, eine „Russen-Madonna“, die wie eine Flüchtlingsfrau ein Kind hinter sich herzieht, und ein besonders bezauberndes Halbrelief von Jesus als dreijährigem Kind mit einem Arm voller blauer Wegwarten. Und sie schuf eine Krippe für Romano Guardini, über deren Zauber er in seinem posthum veröffentlichten Tagebuch Wahrheit des Denkens, Wahrheit des Tuns schreibt. Dort fällt auch der Satz: „Maria Elisabeth Stapp war auch da. Sie ist ein kostbarer Mensch, echt und rein, wie ich kaum einen anderen kenne.“ Die Krippe enthält 40 cm große Figuren, darunter Pfarrer Weiger als Hirten in grauem Loden und Romano Guardini als einen der Könige, in Purpur gewandet.

Spuren in vielen Kirchen

Bis 1988 konnte Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen tätig sein, dann setzte ein Schlaganfall ihrer schöpferischen Kraft ein erzwungenes Ende. Sie starb nach jahrelanger Lähmung am 26.April 1995 im Pflegeheim Altshausen in Baden-Württemberg. Liturgisch war es für die kleine Dorfgemeinde St. Johann Baptist der Festtag der Mutter vom guten Rat mit einer langen Wallfahrtstradition. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Dorffriedhof.

Erinnert sei an ihre großen Werke vor allem in der Diözese Rottenburg/Stuttgart: Sie schuf das überlebensgroße, in Stein gehauene Martinusdenkmal in Weingarten, zum Dank für die Rettung vor Zerstörung der Stadt 1945, sowie an das Hauptportal im dortigen Konventbau des Benediktinerklosters. Sie gestaltete ferner die gesamte Ausstattung der Christkönig-Kirche in Ravensburg: eine farbig gefasste Kreuzigungsgruppe, Altäre, Kanzel, Taufstein, Tabernakel; die Friedenssäule in Ravensburg, die Ausstattung der Kapelle im Hospital zum Heiligen Geist in Laupheim, eine Maria unter dem Kreuz in der – jetzt aufgehobenen – Kapelle des Paulusstiftes in Stuttgart; die Altäre in der Spitalkirche in Ravensburg, in den Pfarrkirchen Upflamör und Goppertsweiler; das Ehrenmal, den Marienbrunnen und die Mariensäule in Ravensburg; den Altar für die Magdalenenkirche in Biberach; den Hochaltar für die Klosterkirche in Heiligkreuztal; die lebensgroße Kreuzigungsgruppe für die Stadtpfarrkirche in Tettnang und vieles mehr, vor allem auch Grabsteine und Mahnmale. Die Kirche St. Sebastian in München-Schwabing birgt zwei frühe Arbeiten der Künstlerin: einen Taufbrunnen in der Krypta und ein Tafelbild des heiligen Judas Thaddäus. In der Kirche Heilig

Allerdings ist bereits festzustellen, dass manche Kunstwerke wieder aus den Kirchen verschwunden sind, ohne Spuren zu hinterlassen. So liegt die Tettnanger Kreuzigungsgruppe im Keller des Pfarrhauses und kann nicht besichtigt werden. Das Kunstwerk in Goppertsweiler (bei Tettnang) ist entfernt, ebenso der Hochaltar in der Klosterkirche Heiligkreuztal; Verbleib unbekannt. Es existiert dort nur eine Madonna, abgestellt in einem Büro. Die Innenausstattung in Upflamör bei Zwiefalten ist völlig neu, alles andere entfernt, Verbleib unbekannt. Nur zwei kleine Objekte (Weihwasser-Türchen und Taufstein-Deckel) sind erhalten. All dies wirft leider ein Licht auf den Umgang mit den Werken der vorangegangenen Generation.

Suchen nach tieferen Dingen

Bereits 1962 versuchte das Staatliche Amt für Denkmalpflege in Tübingen das künstlerische Werk von Maria Elisabeth Stapp würdigend in die Zeit einzuordnen: „Fern aller in der Kunstwelt kursierenden modischen Strömungen und frei von persönlichem Ehrgeiz arbeitet Frau Stapp in der Stille für ihren Beruf. Ihr weltanschaulich gefestigtes Leben ist erfüllt von unablässigem Suchen nach einem sichtbaren, plastischen Ausdruck für die tieferen Dinge. Ohne Gnade kritisch an sich selbst, mit einer nie versiegenden Phantasie begabt, von einem erstaunlichen Fleiß getrieben, keinem künstlerischen Vorbild verpflichtet, von einem sicheren Gefühl für das rechte Maß geführt, der Wirkung verschiedenster Materialien instinktiv bewusst, findet Frau Stapp bei den ihr gestellten Aufgaben eine überlegen gestaltete, eigenste Lösung. Wir kennen sie als Meisterin der Kleinplastik und des Majolika-Reliefs, als Porträtistin von Rang, als Bildhauerin…“ Diese Worte lassen sich bestätigen, wenn man nur an die für die damalige Zeit hoch ungewöhnliche Plastik einer „Maria, Jungfrau Israel“ denkt: einer schlanken Frauengestalt ohne Kind mit einem hebräischen Spruchband in der Hand, denn die Mönche von Ottobeuren übersetzten für die Künstlerin das griechisch überlieferte Magnificat in die Ursprungssprache.

Der 1993 gegründete Freundeskreis Mooshausen kümmert sich um die Erhaltung und Verbreitung des Erbes von Maria Elisabeth Stapp.


Annäherung an eine Bildhauerin

von Dr. Renate Krüger

Im Jahre 1995 starb die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp im Alter von 87 Jahren und hinterließ ein umfangreiches Werk, das zwar in die Öffentlichkeit vor allem des oberschwäbischen Raumes integriert, dessen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte aber weithin unbekannt ist und dringend der wissenschaftlichen Aufarbeitung bedarf. Maria Elisabeth Stapp verlebte ihre ersten 6 Lebensjahre in dem bunten und traditionsreichen Städtchen Riedlingen an der Donau, wo sie am 20. Februar 1908 als Kind eines Kaufmanns und Erfinders das Licht der Welt erblickt hatte. Zweifellos sind Prägungen aus diesen frühen Kindheitsjahren, so die vielseitigen Familieninteressen, intensive visuelle Eindrücke der allemannischen Fastnacht und des schwäbischen Barock auch nach der Übersielung der Familie im Jahre 1914 nach München lebendig geblieben. Dazu kamen weitere wichtige Prägungen durch religiöse und künstlerische Einflüsse mit der Konsequenz einer klaren und unwiderruflichen Berufswahl. Für die religiöse Welt steht der spirituelle Aufbruch aus dem Benediktinerkloster Beuron, für die künstlerische die Münchner Akademie der Bildenden Künste, mit der so klangvolle Namen wie Lovis Corinth, Wassilij Kandinsky, Paul Klee und Franz Marc verbunden sind.

Schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war im Benediktinerkloster Beuron unter Förderung durch den Erzabt Maurus Wolter eine Kunstrichtung entstanden, die einen Gegenpol zur gefühlsseligen naturalistischen Kirchenausstattung bilden und zu einer liturgiegerechten Form führen wollte.

Einer der ersten Theoretiker der Beuroner Kunst ist der Architekt und Bildhauer Peter Lenz, der 1898 die Schrift „Zur Ästhetik der Beuroner Schule“ herausgab, in der er eine „heilige Kunst“ mit Elementen einer ästhetischen Geometrie und den Zahlenproportionen der Ägypter entwarf. Bald entwickelte sich eine Arbeitsgruppe von Bildhauermönchen, die auch auswärtige Aufträge ausführten. Die Beuroner Kunst erlebte Höhen und Tiefen und wirkte vor allem durch ihre theoretischen Exkurse, mit denen Maria Elisabeth Stapp früh in Berührung gekommen sein muß, zumal sie sich in besonderer Weise zur benediktinischen Lebensweise hingezogen fühlte.

Dieser Lebensweise war sie in der nach dem ersten Weltkrieg auch in München mächtig aufbrechenden katholischen Jugendbewegung begegnet, und sie schloss sich einem Kreis junger Frauen an, die seit 1926 regelmäßig zusammenkamen, um das monastische Stundengebet zu beten. Aus diesem Kreis entwickelte sich allmählich mit Unterstützung der Benediktinerklöster Beuron und Ettal eine an der Regel des heiligen Benedikt orientierte klösterliche Lebensform und Gemeinschaft, die sich den Namen „Venio“ gab. Im Jahre 1927 trat sie unter dem Namen Schwester Hermana dem äußeren Kreis der Beuroner Gemeinschaft bei. Ihr ausgeprägter Individualismus, der von kreativen Impulsen dominiert wurde, ließ sich auf die Dauer nicht mit einem klösterlichen Gemeinschaftsleben vereinbaren. Das benediktinische Ora et Labora – bete und arbeite – blieb ihr jedoch durch ihr ganzes Leben oberste Richtschnur.

Ihre künstlerischen Studien absolvierte Maria Elisabeth Stapp an der Münchner Akademie vor allem unter dem Bildhauer Josef Henselmann (1893-1987), der ihr auch eine gründliche handwerkliche Ausbildung vermittelte. Die Akademie hatte nach dem ersten Weltkrieg zwar nicht mehr die Qualität erreicht, die sie um die Jahrhundertwende gehabt hatte, bot aber immer noch die Möglichkeit gediegener Ausbildung, bevor die von Adolf Hitler persönlich protegierten Künstler wie Josef Thorak und Adolf Ziegler allein die Maßstäbe bestimmten. Maria Elisabeth Stapp begann ihre öffentliche Wirksamkeit in einer für sie recht günstigen Ausgangslage, in einer Zeit der Sinnsuche und der religiösen Neuorientierung, die nach einem adäquaten Ausdruck auch in der Kirchenausstattung verlangte, eine Entwicklung, die durch den zweiten Weltkrieg unterbrochen, danach aber weitergeführt wurde. Der Boden war bereitet, die Resonanz entsprechend. Auf Grund ihrer Beuroner Prägung schuf Maria Elisabeth Stapp fast ausschließlich religiöse Kunst, vorwiegend Plastiken. Gelegentlich hat sie auch gemalt. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten umfassen sowohl Plaketten und Medaillen, als auch Monumentalplastiken, die ihre Wirkung nach wie vor an vielen oberschwäbischen Orten verbreiten und die Blicke auf sich lenken. Zwischen diesen beiden Polen entstanden zahlreiche kirchliche Ausstattungsstücke wie Tabernakel, Leuchter, Kruzifixe, Weihwasserbecken und zahlreiche Statuen, nicht zu vergessen auch die eindrucksvollen privaten und öffentlichen Grabmäler. Ein Datierungs- und Bewertungssystem kann erst mit einem umfassenden Werkverzeichnis entwickelt werden.

Von ihren Vater wurde Maria Elisabeth Stapp auf den Mooshauser Pfarrer Joseph Weiger aufmerksam gemacht, der zum Freundeskreis der Familie gehörte. Auch Pfarrer Weiger hatte tiefe Wurzeln in Beuron. Er hatte ein Noviziat in der Erzabtei begonnen, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nur als Benediktiner-Oblate verwirklichen und musste sich mit der winzig kleinen Pfarrstelle Mooshausen in der Nähe von Memmingen zufrieden geben. Seine Kommunikation war auf die ständig wachsende Bibliothek und einen kleinen, aber hochkarätigen Freundeskreis angewiesen, in dem ein Gefährte aus Studienzeiten, Romano Guardini, an vorderster Stelle stand. Aus diesem Kreis entwickelte sich für Maria Elisabeth Stapp der stärkste und wichtigste Schaffensimpuls, der die eingeschlagenen Wege mit unerwarteter Intensität weiter führte und für nur Geahntes und noch Gestaltloses den Durchbruch brachte. Mooshausen wurde für Maria Elisabeth Stapp zum kreativen Biotop, zur geistigen und später auch zur realen, stets spirituell ausgerichteten Werkstatt, ein einmaliges Phänomen in der künstlerischen Landschaft Deutschlands. Das Pfarrhaus Mooshausen wurde zum Begegnungsort, zum Informations- und Konsultationszentrum, hier erfuhr Maria Elisabeth Stapp Wesentliches und Zentrales, das, was später Beratungs- und Entscheidungsgegenstand des Konzils wurde. Hier wurden Prozesse in Gang gesetzt und abgeschlossen. Die kreative Atmosphäre des Hauses ließ vieles entstehen. Über 30 Jahre hat Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen gelebt.

An dieser Stelle soll in unregelmäßiger Reihenfolge ein Kunstwerk von Maria Elisabeth Stapp vorgestellt werden. Am Beginn dieser Reihe steht eine ihrer letzten Schöpfungen, das Porträtrelief der heiligen Rosa von Lima, dessen Entstehung in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Werden des neuen Freundeskreises zu sehen ist.
Auftraggeberin dieses Werkes war Elisabeth Prégardier als stellvertretende Geschäftsführerin der Bischöflichen Aktion ADVENIAT zur Unterstützung der Kirche Lateinamerikas. Über diese erste Begegnung schreibt sie:

Am 6. Juni 1985 stand ich zum ersten Mal vor der alten ehrwürdigen Eingangstür des Pfarrhauses in Mooshausen, zog am Glockenstrang, und alsbald öffnete sich die Tür, und ich stand der Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp gegenüber, die mich eindringlich prüfend mit ihren blauen Augen anschaute. Wahrscheinlich sah sie dieser ersten Begegnung mit ähnlicher Spannung entgegen wie ich.
Was hatte mich in diesen kleinen oberschwäbischen Ort geführt? Am 30. August 1961, dem Festtag der heiligen Rosa von Lima, begründet, sah das Hilfswerk ADVENIAT seinem 25jährigen Bestehen im Jahr 1986 entgegen. Beeindruckt von dem Relief der heiligen Gertrud von Helfta, das Maria Elisabeth Stapp 1953 für die Bundeszentrale des Frauenbundes in Köln geschaffen hatte, hatte ich den Wunsch, dass zum Adveniat-Jubiläum ein Relief von Rosa von Lima, der Patronin Lateinamerikas, gestaltet werden sollte.
Maria Elisabeth Stapp nahm den Auftrag an, obgleich sich die Siebenundsiebzigjährige seit 15 Jahren aus Krankheitsgründen nicht mehr mit größeren Arbeiten beschäftigt hatte. Es zeigte sich bald, dass dieser Auftrag ihr neue Energie und Schaffenskraft verlieh, und schon im Oktober 1985 konnten wir das aus Ton geformte Relief betrachten und vorsichtig von seiner Arbeitsfläche ablösen, damit es gebrannt werden konnte.
Das bei dieser Gelegenheit entstandene Foto zeigt die Freude der Künstlerin über das gelungene Werk. Leider erfolgte wenig später eine herbe Enttäuschung, denn das Tonrelief hielt dem Brennprozeß nicht stand und zersprang in viele Scherben. Maria Elisabeth Stapp machte sich noch einmal an die Arbeit und ließ das Relief vorsorglich in Bronze gießen.

Das lebendige Situationsfoto zeigt ein glückliches altes Gesicht neben einem nach innen gewandten jugendlichen Antlitz. Ein Relief mit der Wirkung eines Tafelbildes, aus dem noch barocke Elemente nachwirken.

Rosa von Lima, Tochter spanischer Eltern, lebte von 1568 bis1617 in Peru. Sie erhielt den Namen Rosa, da ihre Mutter nach der späteren Legende bei der Taufe eine Rose über ihrer Tochter schweben sah. Gegen den Willen der Eltern, die die Hochzeit schon geplant hatten, schloss sie sich 1606 als Terziarin dem Dominikanerorden an und führte ein streng asketisches Leben. Rosa gründete das erste kontemplative Kloster Südamerikas, das Kloster der heiligen Katharina von Siena, setzte sich für die Krankenpflege ein, engagierte sich in der Glaubensverkündigung und ermahnte die Priester zu einem ordentlichen, geistlichen Leben.

Das Relief zeigt die Heilige als geistliche Braut mit ihren vielschichtigen Sinnbildern Rose, Herz und Kreuz und zeugt vom Nachwirken alter christlicher Bildvorstellungen in einer Zeit der Umbrüche, des Esoterikbooms und der zunehmenden Entkirchlichung. Es entstand nach einer längeren Schaffenspause und setzt einen späten Markierungspunkt in einem langen Künstlerleben. Und es bildet einen Übergang zum neuen Freundeskreis Mooshausen, der sich von diesem Zeitpunkt an zusammenfand.


Zum 25. Todestag von Maria Elisabeth Stapp (1908‑-1995)

von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

 

Vor 25 Jahren, am 26. April 1995, dem Tag der „Mutter vom guten Rat“, starb die letzte Bewohnerin des Pfarrhauses Mooshausen: Maria Elisabeth Stapp. Sie verbrachte die letzten Jahre nach einem Schlaganfall im Altersheim St. Josef in Altshausen bei Ravensburg, kehrte aber  im Tode heim nach  Mooshausen und wurde  ganz nahe bei Pfarrer Weigers Grab bestattet. Auf ihren Wunsch ging ihr gesamtes Erbe an den Freundeskreis Mooshausen e.V. über.

Aus Anlaß des 25jährigen Todestages ist eine Ausstellung mit Werken der Künstlerin im Kloster Venio in München-Nymphenburg geplant.

Hier sei sie mit einem Lebensbild gewürdigt.

 

  1. Frühe Leistungen

Die vielseitige, im süddeutschen Raum zwischen München und Ravensburg bekannte Künstlerin Maria Elisabeth Stapp wurde am 20. Februar 1908 geboren als zweitälteste von vier Schwestern und einem Bruder im Donaustädtchen Riedlingen unfern von Beuron. Sie wuchs in München auf und studierte in der Bildhauer-Klasse der dortigen Kunstakademie, was damals für eine junge Frau ungewöhnlich war; ihr bedeutendster Lehrer war Joseph Henselmann. 1926 wurde sie Mitgründerin des benediktinisch geprägten Säkularinstitutes Venio in München-Nymphenburg, für dessen Kirche sie schon 1927 einen Altar versus populum schuf, also kaum 20 Jahre alt. Für diesen ihren ersten Altar erhielt sie von Kardinal Michael Faulhaber ein Schreiben hoher Anerkennung, woran sie sich mit dankbarem Stolz erinnerte. Sie trat jedoch später unter großen Schmerzen wieder aus dem Institut aus. Für das berühmte erste deutsche Oratorium in Leipzig schuf sie eine großartige Statue der hl. Elisabeth zum Jubiläumsjahr 1931, dem 700. Todestag der Heiligen. Der damals ebenfalls bekannte und vielgelesene katholische Schriftsteller und Theologe Joseph Bernhart (dessen späteres Grabmal im nahegelegenen Türkheim aus ihrer Hand stammt), schrieb 1940 einen höchst anerkennenden Beitrag „Über christliche Kunst“ in der anspruchsvollen Rothenfelser Monatsschrift Die Schildgenossen, worin er die Bildhauerin, damals 32 Jahre alt, lobte: „Maria Elisabeth Stapp (…) hat aus ursprünglich treibender Begabung Werke von ungewöhnlicher formaler Sicherheit, Kraft des Ausdrucks und Reinheit der seelischen Mitteilung hervorgebracht. Nennt man ihre lebensgroße, aus einem Stamm geschnittene Heilige Elisabeth für das Leipziger Oratorium, ihren Ofen mit den drei Knaben im Feuer für das Beuroner Kloster, ihr Bildnis eines kleinen Kindes oder den Bruder Konrad in Majolika, so ist auch ihre technische Vielseitigkeit bezeichnet.“[i] Bernhart arbeitet die Schwierigkeit gerade der christlichen Plastik heraus, das Unsichtbare des Seelischen und des Göttlichen doch in den sichtbaren Ausdruck zu bringen, zusätzlich zu den allgemeinen ästhetischen Gesetzen der Kunst: „Sie sucht vorausnehmend für Auge, Ohr und Herz von dem zu sprechen, was für kein Auge, Ohr und Herz hier und jetzt schon erfahrbar ist.“ Und Bernhart, der selbst ein Mann des Wortes und der Kunst war, fügt würdigend hinzu, die junge Künstlerin reiche „in diese seltene hohe Art“.

Nachdem Maria Elisabeth Stapp 1944 in München ausgebombt wurde, zog sie zunächst in die Heimat ihrer Großeltern nach Ravensburg nördlich vom Bodensee. Schon 1948 richtete sie jedoch auf Einladung Pfarrer Weigers ein Atelier für Arbeiten in Holz, Bronze, Stein, Majolika und Ton im ländlichen Pfarrhaus von Mooshausen ein. Sie schuf dort zahlreiche Kunstwerke für Kirchen und Privatbesitz, darunter auch treffende Porträtplastiken. Ihr Atelier wurde, neben der Gastlichkeit des schönen spätbarocken Pfarrhauses, zum Anziehungspunkt für Kunstfreunde und Künstler, darunter für den Maler Wilhelm Geyer aus Ulm und den nach dem Krieg im schwäbischen Allgäu bleibenden St. Petersburger Maler Viktor Ostroumov. Von seiner Hand hängen im Pfarrhaus drei großartige Ölporträts von Maria Elisabeth Stapp aus den Jahren 1947 und 1948 und ein weiteres ihrer Mutter Else.

 

  1. Werke in Denkgemeinschaft mit Josef Weiger

In die Mooshausener Freundeskreise war Maria Elisabeth Stapp mit einbezogen, so auch in die Bekanntschaft mit P. Manfred Hörhammer oder Eugen und Maria Jochum. Eine frühe Arbeit von ihr, der von Pfarrer Weiger verehrte heilige Konrad von Parzham, ist am Eingang des Mooshausener Kirchleins zu sehen. Sie schuf eine Fülle von christlich inspirierten Kleinplastiken, darunter die sonst unbekannten „Handmadonnnen“: in Bronze gegossene, handgroße Figuren einer Mutter mit Kind, die betrachtend zu umfassen sind – daneben auch die lebensgroßen, aus Holz gearbeiteten Marienfiguren, von denen einige ebenfalls im Hause aufgestellt sind. Aber es entstanden auch Marien-Figuren von 30 cm Größe, darunter eine berührende Pietà und eine „Russen-Madonna“, die als Flüchtlingsfrau ein Kind hinter sich herzieht, und ein besonders bezauberndes Halbrelief von Jesus als dreijährigem Kind mit einem Arm voller blauer Wegwarten.

Erinnert sei an ihre großen Werke vor allem in der Diözese Rottenburg/Stuttgart.[ii]Sie schuf das überlebensgroße, in Stein gehauene Martinusdenkmal unterhalb der Basilika Weingarten, zum Dank für die Rettung vor Zerstörung der Stadt 1945, sowie das Hauptportal im dortigen Konventbau des Benediktinerklosters. Sie gestaltete ferner die gesamte Ausstattung der Christkönig-Kirche in Ravensburg: eine farbig gefaßte Kreuzigungsgruppe, Altäre, Kanzel, Taufstein, Tabernakel, übergroße Leuchter[iii]; eine Maria unter dem Kreuz in der – jetzt aufgehobenen – Kapelle des Paulusstiftes in Stuttgart; die Altäre in der Spitalkirche in Ravensburg, in den Pfarrkirchen Upflamör und Goppertsweiler; das Ehrenmal, den Marienbrunnen und die Mariensäule in Ravensburg; den Altar für die Magdalenenkirche in Biberach; den Hochaltar für die Klosterkirche in Heiligkreuztal; die lebensgroße Kreuzigungsgruppe für die Stadtpfarrkirche in Tettnang und vieles mehr, vor allem auch Grabsteine und Kriegerdenkmale. Die Kirche St. Sebastian in München-Schwabing birgt zwei frühe Arbeiten der Künstlerin: einen Taufbrunnen in der Krypta und ein Tafelbild des hl. Judas Thaddäus.

Maria Elisabeth Stapp wurde nach 1945 mehrfach beauftragt, für die Opfer der Gewalt und die Toten des Weltkriegs ein Denkmal zu gestalten, so in Ertingen 1957, in Ravensburg 1967 und in Mengen. Diese Werke sind wie ihre anderen Plastiken in beständigem Austausch mit Josef Weiger entstanden. Hierzu ist zu bemerken, daß das Weiger-Archiv mit seinen vielen Briefen und Schriftstücken noch nicht aufgearbeitet ist. Auch diese Klärung bedürfte einer eigenen Arbeitsinitiative. Vermutlich werden sich dabei weitere Mosaiksteine für die Zeit während des Krieges und die spätere Befassung mit dem ideellen und sittlichen Wiederaufbau Deutschlands in dieser Phase finden lassen.

Allerdings ist bereits festzustellen, daß manche Kunstwerke wieder aus den Kirchen verschwunden sind, ohne Spuren zu hinterlassen. So liegt die Tettnanger Kreuzigungsgruppe im Keller des dortigen Pfarrhauses und kann nicht besichtigt werden. Ein Kunstwerk in Goppertsweiler bei Tettnang ist entfernt, ebenso der Hochaltar in der Klosterkirche Heiligkreuztal; Verbleib unbekannt. Es existiert dort nur eine Madonna, abgestellt in einem Büro. Die Innenausstattung in Upflamör bei Zwiefalten ist völlig neu, alles andere entfernt, Verbleib unbekannt. Nur zwei kleine Objekte: Weihwasser-Türchen und Taufstein-Deckel sind erhalten. All dies wirft leider ein Licht auf den nachlässigen Umgang mit den Werken dieser erst wieder zu entdeckenden Künstlerin.

1962 versuchte das Staatliche Amt für Denkmalpflege in Tübingen das künstlerische Werk von Maria Elisabeth Stapp würdigend in die Zeit einzuordnen: „Fern aller in der Kunstwelt kursierenden modischen Strömungen und frei von persönlichem Ehrgeiz arbeitet Frau Stapp in der Stille für ihren Beruf. Ihr weltanschaulich gefestigtes Leben ist erfüllt von unablässigem Suchen nach einem sichtbaren, plastischen Ausdruck für die tieferen Dinge. Ohne Gnade kritisch an sich selbst, mit einer nie versiegenden Phantasie begabt, von einem erstaunlichen Fleiß getrieben, keinem künstlerischen Vorbild verpflichtet, von einem sicheren Gefühl für das rechte Maß geführt, der Wirkung verschiedenster Materialien instinktiv bewußt, findet Frau Stapp bei den ihr gestellten Aufgaben eine überlegen gestaltete, eigenste Lösung. Wir kennen sie als Meisterin der Kleinplastik und des Majolika-Reliefs, als Porträtistin von Rang, als Bildhauerin…“[iv]

Ein besonders ursprüngliches Kunstwerk in Mooshausen sei hervorgehoben: die Bronzeplastik „Maria – Jungfrau Israel“. Die schlanke, jugendliche Frauengestalt ohne Kind hält ein hebräisches Spruchband in der Hand: Das nur griechisch überlieferte Magnificat hatten die Benediktiner von Ottobeuren für die Künstlerin übersetzt. In solch ungewöhnlichen, theologisch weit ausgreifenden Entwürfen ist der Einfluß Josef Weigers spürbar. Maria Elisabeth Stapp setzte seine kühne und tiefe Deutung biblischer Texte unmittelbar in Kunst um. Wort und Hand trafen ebenbürtig aufeinander – in einer befruchtenden Denk- und Werkgemeinschaft.

Bis 1988 konnte Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen tätig sein, dann setzte ein Schlaganfall ihrer schöpferischen Kraft ein erzwungenes Ende. Sie starb nach jahrelanger Lähmung am 26. April 1995 im Pflegeheim Altshausen/Württemberg und ruht nun neben dem Mooshausener Kirchlein unter einem von ihr selbst gestalteten Bronzekreuz. Es zeigt den toten Leib Jesu mit gesenktem Haupt, aber schon gelösten, nach oben gestreckten Armen – bereits in der Gebärde der Auferstehung. Auf zwei Basaltsteinen aus der Vulkangegend von Maria Laach stehen die von ihr selbst verfaßten Worte:

CHRISTO DOMINO

CORDE INGENIO

MANIBUS SERVIENS

DIEM EXPECTAT

RESURRECTIONIS

 

MARIA

ELISABETH

STAPP

*20.2.1908 26.4.1995

SCULPTOR

MONACENSIS[v]

 

Austausch mit Guardini

Durch seinen Freund Josef Weiger auf die junge Künstlerin aufmerksam geworden, lud Romano Guardini sie 1939 nach Burg Rothenfels ein, und ein Jahr später erschien die erwähnte Würdigung durch Joseph Bernhart in den Schildgenossen.

Nachdem Maria Elisabeth Stapp nach 1948 das Atelier in Mooshausen aufzubauen begann, weilte sie regelmäßig dort und vermittelte nach Rücksprache mit Maria Sattler[vi] auch die Haushälterin Marie Parzinger an Guardini bei dessen Umsiedlung nach München.[vii] Ihrer durchaus praktischen Ader verdankt das Mooshausener Archiv sogar Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Guardini in kleiner Runde im Pfarrhaus, ebenso kostbare Photographien der beiden Freunde.

Plastische Porträtköpfe Guardinis und Weigers aus ihrer Hand befinden sich ebenfalls im Pfarrhaus. Und sie schuf 1952 eine Krippe für Guardini, die er in seinem postum veröffentlichten Tagebuch Wahrheit des Denkens und Wahrheit des Tuns würdigt: „Maria Stapp hat sie mir das letzte Jahr gemacht; groß, unsentimental und so, daß sie mehr ist als ein bloßes Kinderbildwerk.“[viii] Diese Krippe, heute in Isola Vicentina aufbewahrt, enthält 40 cm große Figuren, darunter Pfarrer Weiger als Hirten in grauem Loden und Romano Guardini als König, in Purpur gewandet.

Einmal verwandte sich Guardini nachdrücklich für ihre künstlerisch-kraftvolle Aussage. Ein lebensgroßer Kruzifixus von ihr war in der römischen Ausstellung deutscher liturgischer Kunst zu sehen und fand herbe Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 7. April 1956.

Am 14. April 1956 schrieb Guardini dazu einen Protest: „Zuerst möchte ich sagen, daß die Charakterisierung des Kruzifixus durch den Satz, es handle sich um ein ‚monumentales Kreuz, daran ein Christus mit einem Gewand von Dior’ eine Ungehörigkeit ist.

Ich weiß, mit welcher künstlerischen Intensität und religiösen Beteiligung Frau Stapp an ihren Werken schafft und besonders an diesem gearbeitet hat. Über solche Dinge spricht man nicht in dieser Weise.

Abgesehen davon ist aber die Berichterstattung einfachhin unrichtig. Daß ‚die Silberbahnen’ auf dem Gewand ‚die Blutbahnen Christi’ darstellen sollen, ist – von der Schlamperei des Ausdrucks ganz abgesehen – ein Unsinn. Von diesen ‚Bahnen’ schreibt mir Frau Stapp, sie sollten die Lebenswege der Menschen andeuten, die von Jahrhundert zu Jahrhundert führen, welch letztere durch die Edelsteine ausgedrückt seien.

Wenn man also schon kritisiert, soll man sich zuerst darüber informieren, was gemeint ist.

Dann aber mahnt die Kritik, der Künstler solle sich in seiner Ikonographie ‚strenger an die Texte der Offenbarung halten’, und stellt fest, an dieser Forderung gemessen, sei die Darstellung des Ravensburger Kruzifixus ein ‚vollständiges Mißverständnis’.

Dieses Urteil ist nicht nur verletzend, sondern auch falsch.

Daß der gekreuzigte Herr bekleidet erscheint, entspricht ältester Tradition; man braucht bloß an die frühe Romanik zu denken. Der Gedanke aber, die Wege der Menschheit durch die Jahrhunderte in das Gewand des Herrn einzuzeichnen, ist christlich tief und schön. Auch knüpft er an beste Elemente der Tradition an. Sie kennen wohl die Bedeutung, welche das Mittelalter dem Krönungsmantel des deutschen Kaisers zuschrieb. Letzterer hatte ja nicht nur eine staatlich=politische, sondern auch eine sakrale Würde, wie das schon aus dem Krönungsritus der Liturgie hervorgeht. So war es von wunderbarer Symbolik, wenn man z.B. in den Krönungsmantel <des> Kaisers Heinrich II. (+1024) die Bilder des Tierkreises eingewirkt hat. Es drückte die Vorstellung aus, der Herrscher halte Welt und Geschichte in seiner Macht, damit er sie wahre und zu Gott zurückführe.

Wie weit die Künstlerin diese Symbolik gekannt hat, weiß ich nicht. Jedenfalls liegt ihr Gedanke, Christi Gewand sei aus dem Geschehen der von Ihm erlösten Welt gewoben, ganz in deren Linie. Es ist die Christusvorstellung der Initien zum Epheser- und Kolosserbrief und des Schlusses der Apokalypse. Wenn sie also die Wege der Menschen in das Gewand einzeichnet, und die Etappen dieser Wege, die Jahrhunderte, durch Edelsteine ausdrückt, dann führt das in schönster Weise ein Symbol fort, das aus dem Neuen Testament stammt und sich schon in alter christlicher Tradition ausgewirkt hat.

Der unterrichtete Leser kann die in Rede stehende Kritik nur als höchst fahrlässig empfinden – von der Geschmacklosigkeit des Vergleiches zwischen dem Gewand Christi und den Erfindungen Pariser Modeherren nicht zu reden.“[ix]

Die anhaltende Freundschaft führte zu einem kostbaren Geschenk der Künstlerin: „Frau Maria Elisabeth Stapp hat mir den Kelch am 17. Februar – meinem 75. Geburtstag – gebracht. Seine schöne Einfachheit und Kostbarkeit zugleich hat mir eine Freude gemacht, die bis zur Stunde lebendig ist. (…) Auch hätte ich innen in den Kelch gern etwas eingraviert. Ich ersinne mich, daß die edleren der Kelche nach Entwürfen von P. Desiderius Lenz[x] in Beuron Namen bekamen. Einen solchen Namen soll auch dieser Kelch haben, und zwar ‚Gloria Domini’.[xi] Ich glaube, er verdient ihn; und dann vielleicht auf der anderen Seite gegenüber ein Datum.“[xii]

Noch ein Detail, das nur mündlich mitgeteilt wurde. Maria Elisabeth Stapp verbrachte immer wieder Sommerwochen im Benediktinerinnenkloster von Hvar auf der Insel Split, von dessen äußerster Armut sie zuhause berichtete. Als Guardini von der Not hörte, stiftete er einen Herd zum Kochen und Backen, in dessen Platte sein Name eingraviert wurde. Darauf kam ein Brief Stapps von Hvar am 9. Juli 1965: „ (…) daß wie jetzt, durch Dich das tägl. Brot ihnen gegeben würde. Mehr als ich schreiben könnte, wird ihr Dank in Gottes Hände sanft gelegt. Hör Dir an wie echt z.B. die Begebenheit ist, von der ich erst jetzt erfuhr, als ich die alte Madre Bernarda sah (frisch mit ihren 86 Jahren) sagte eine Jüngere die dabei war daß der lb. Gott eben doch hörte was M. B. sagte als sie Deinen Herd sah: „Dio mio che bello – adesso mi ringresce morire.“ Und es ward ihr gewährt. Ist das nicht schön. Nun ich sagte ihr sie solle fest den Herrn bitten, daß Deine Schmerzen ohne Pillen verschwinden, und daß Dir dann auch der gleiche Ausruf an den Himmel kommt. (…) Mein großer Herzenswunsch ist, daß es Dir besser geht und Du an Deinem großen Werk weiterarbeiten kannst und am Leben wieder Freude haben kannst. Gott geb’s Dir Du großes geplagtes Herz und vergiß nicht Deine MarEl.“[xiii]

Unmittelbar danach, am 29. Juli 1965, während der lebensbedrohenden Krankheit Guardinis: „Lieber Romano, Gott sei gepriesen und bedankt – Dir geht es besser. Das war eine Nacht der Freundschaft: Jos. hat nachdem wir für Dich gebetet hatten vor Herzklopfen nicht schlafen können – und ich bin nachts 2h aufgestanden und habe die Nachtwache vor d. lb. Gott fortgesetzt. Der Kummer um Dein Befinden hat mir die Gallenschmerzen beschert u. so war Herz u. Seele in höchstem Alarmzustand. Hat Dich mein Brief aus Hvar gefreut? Die monache, das sind Deine noch besseren Lebenswächter.“[xiv]

Im Tagebuch Guardinis fällt nach einem Besuch in Mooshausen am 7. Juni 1953 der Satz: „M. El. St. war auch da. Sie ist ein kostbarer Mensch, echt und rein, wie ich kaum einen anderen kenne.“[xv]

*

Es war der Wunsch der alten Künstlerin, das Pfarrhaus, in dem über Jahrzehnte hinweg ein solches Durchdenken und Mitarbeiten am geistigen Aufbau stattgefunden hatte, mit all seinen Büchern, Dokumenten, Kunstwerken und Briefen insgesamt einem verantwortlichen Kreis zu hinterlassen, um die einzigartige Bedeutung des Hauses für die nächsten Generationen erfahrbar werden zu lassen. Der Freundeskreis Mooshausen hat in diesem Sinne seit 1993 die Aufgabe übernommen, die Erinnerungen zu bewahren und zu würdigen, um für die Zukunft den weiten und wachen Horizont der mit Mooshausen verbundenen Personen offen zu halten.

 

Literaturverweise:

[i] Joseph Bernhart, Über christliche Kunst, in: Die Schildgenossen 19, 4 (1940), 155-160. Ebd. auch die beiden folgenden Zitate.

[ii] Ein Teil-Werkverzeichnis befindet sich im Archiv Mooshausen.

[iii] Bei einer Renovierung in den letzten Jahren wurde der Gesamtentwurf allerdings aufgelöst; die Leuchter stehen nun wieder in Mooshausen, in der Friedhofskapelle.

[iv] Schreiben im Archiv Mooshausen.

[v] „Christus dem Herrn / mit Herzen, Geist / und Händen dienend / erwartet den Tag / der Auferstehung // Maria / Elisabeth / Stapp / * 20. 2. 1908 + 26. 4. 1995 / Bildhauerin aus München“.

[vi] Maria Clara Sattler (1910 Düsseldorf – 1973 München), geb. Schiedges, Gattin von Dieter Sattler (1906 München – 1968 Rom), Architekt und seit 1933 in Berlin mit Guardini befreundet. Maria Sattler trat Guardini 1948 ihre eigene Haushälterin Maria Parzinger ab, die ihm in München bis zu seinem Tod den Haushalt führte.

[vii] S. Brief von Maria Sattler vom 8. Dezember 1947 an Guardini und M. E. Stapp (Archiv Mooshausen) und Brief Guardinis an Marie Parzinger vom 20. Januar 1948 (Archiv Gemeinde Taching/Obb.).

[viii] Romano Guardini, Wahrheit des Denkens und Wahrheit des Tuns. Notizen und Texte 1942-1964, hg. v. Felix Messerschmid, Paderborn 1980, 77.

[ix] Brief Guardinis vom 14.04.1956 an Stadtpfarrer Franz Weber von Ravensburg, Gemeinde Christkönig, wo der Kruzifixus bis heute hängt (Briefkopie im KDFB-Archiv Köln).

[x] Berühmter Beuroner „Künstlermönch“.

[xi] „Herrlichkeit des Herrn“. Wo sich der Kelch heute befindet, ist nicht bekannt.

[xii] Brief Guardinis an den Münchner Goldschmied Josef Neumayr vom 29. Februar 1960 (Bayer. Staatsbibliothek München).

[xiii] Brief im Archiv Mooshausen.

[xiv] Ebd.

[xv] Guardini, Wahrheit des Denkens, 35.

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