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Die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp

(1908-1995)


Alle Rechte am Nachlaß von Maria Elisabeth Stapp liegen beim Freundeskreis Mooshausen e.V.



Literatur


Von dem sprechen, was noch nicht erfahrbar ist

Kunst aus christlichem Ursprung

zum 20. Todestag von M.E. Stapp am 26. April 2015

Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, aktualisiert von Elisabeth Pregardier

Das Foto (ca. 1955) zeigt M. E. Stapp bei der Gestaltung der Christusfigur für die Christkönigkirche in Ravensburg.

Die vielseitige, besonders im süddeutschen Raum zwischen München und Ravensburg bekannte Künstlerin Maria Elisabeth Stapp wurde am 20. Februar 1908 als ältestes von fünf Kindern in Riedlingen an der Donau unfern von Beuron geboren. Sie wuchs sie in München auf und studierte dort an der Kunstakademie in der Bildhauer-Klasse, was damals für eine junge Frau noch recht ungewöhnlich war; ihr bedeutendster Lehrer war Joseph Henselmann. 1926 wurde sie eine Mitbegründerin des benediktinisch geprägten Säkularinstitutes Venio in München-Nymphenburg, für dessen Kirche sie schon 1927 einen Altar versus populum schuf, also kaum 20 Jahre alt. Für diesen ihren ersten Altar erhielt sie von Kardinal Faulhaber ein Schreiben hoher Anerkennung, woran sie sich immer mit Dankbarkeit und Stolz erinnerte.

Werke formaler Sicherheit

Sie trat jedoch später unter großen Schmerzen wieder aus dem Institut aus. Für das berühmte erste deutsche Oratorium in Leipzig schuf sie eine großartige Statue der heiligen Elisabeth zum Jubiläumsjahr 1931, dem 700. Todestag der Heiligen. Durch seinen Freund Josef Weiger auf die junge Künstlerin aufmerksam geworden, lud Romano Guardini sie 1939 nach Burg Rothenfels ein.

Der damals ebenfalls bekannte und vielgelesene katholische Schriftsteller und Theologe Joseph Bernhart schrieb 1940 einen höchst anerkennenden Beitrag „Über christliche Kunst“ in der anspruchsvollen Kulturzeitschrift „Die Schildgenossen“, worin er Maria Elisabeth Stapp, damals 32 Jahre alt, lobte: „Maria Elisabeth Stapp (…) hat aus ursprünglich treibender Begabung Werke von ungewöhnlicher formaler Sicherheit, Kraft des Ausdrucks und Reinheit der seelischen Mitteilung hervorgebracht. Nennt man ihre lebensgroße, aus einem Stamm geschnittene Heilige Elisabeth für das Leipziger Oratorium, ihren Ofen mit den drei Knaben im Feuer für das Beuroner Kloster, ihr Bildnis eines kleinen Kindes oder den Bruder Konrad in Majolika, so ist auch ihre technische Vielseitigkeit bezeichnet.“ Bernhart arbeitet die Schwierigkeit gerade der christlichen Plastik heraus, das Unsichtbare des Seelischen und des Göttlichen doch in den sichtbaren Ausdruck zu bringen, zusätzlich zu den allgemeinen ästhetischen Gesetzen der Kunst: „Sie sucht vorausnehmend für Auge, Ohr und Herz von dem zu sprechen, was für kein Auge, Ohr und Herz hier und jetzt schon erfahrbar ist.“ Und Bernhart, der selbst ein Mann des Wortes und der Kunst war, fügt würdigend hinzu, die junge Künstlerin reiche „in diese seltene hohe Art“.

Nachdem Maria Elisabeth Stapp 1944 in München ausgebombt wurde, zog sie zunächst in die Heimat ihrer Großeltern nach Ravensburg nördlich vom Bodensee. Schon 1948 richtete sie jedoch auf Einladung von Pfarrer Weiger ein Atelier für Arbeiten in Holz, Bronze, Stein, Majolika und Ton im ländlichen Pfarrhaus von Mooshausen am Illerkanal, wenige Kilometer westlich von Memmingen ein. Sie schuf dort zahlreiche Kunstwerke für Kirchen und Privatbesitz darunter auch treffende Porträtplastiken.

Ihr Atelier wurde, verbunden mit der Gastlichkeit des schönen spätbarocken Pfarrhauses, zum Anziehungspunkt für Kunstfreunde und Künstler, darunter für den Maler Wilhelm Geyer aus Ulm und den nach dem Krieg im schwäbischen Allgäu vorübergehend ansässigen Russen Viktor Ostroumov. Von seiner Hand hängen im Pfarrhaus drei großartige Ölporträts von Maria Elisabeth Stapp aus den Jahren 1947 und 1948. Ihrer durchaus technisch-praktischen Begabung verdankt das Archiv auch Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Romano Guardini in kleiner Runde im Pfarrhaus.

Zu diesem bereits damals ungewöhnlichen Lebenswerk kommt also noch die besondere Örtlichkeit, in der Maria Elisabeth Stapp wirkte: Mooshausen. Seit 1997 ist dort eine Gedenkstätte für Romano Guardini, Josef Weiger und Maria Elisabeth Stapp zugänglich, vor allem wenn dort mehrmals im Jahr eine Tagung des Freundeskreises stattfindet. Denn das Pfarrhaus im Strahlungsfeld der Benediktinerklöster Ottobeuren und Beuron gelegen, stellt ein einzigartiges bauliches und geistiges Denkmal dar, seit Pfarrer Josef Weiger von 1917 bis zu seinem Tod 1966 darin eine Vielzahl von Gästen und Ratsuchenden empfangen hatte. An erster Stelle ist Romano Guardini zu nennen, der Tübinger Studienfreund Weigers, welcher seit 1917 regelmäßig zweimal im Jahr dort Gespräch und Austausch suchte und von 1943 bis 1945 vor dem Bombardement Berlins nach Mooshausen flüchtete. Der geistige Austausch in dieser seltenen Freundschaft ist zu erahnen in Guardinis Briefen an einen Freund (posthum 1976), aber auch in den Übersetzungen John Henry Newmans durch Weigers Haushälterin Maria Theresia Knoepfler (1881–1927) (DT vom 17.8.2007).

In langen Jahrzehnten wurde in der kleinen Zelle des Allgäuer Pfarrhauses das Konzil mit vorbedacht, auch durch Besucher und Anreger wie Joseph Bernhart (dessen Grabmal aus der Hand von Frau Stapp stammt), Manfred Hörhammer und Eugen Jochum. In all diese Freundeskreise war Maria Elisabeth Stapp mit einbezogen. Sie schuf in diesem Hause plastische Porträts von Guardini und Weiger; sie schuf eine Fülle von christlich inspirierten Kleinplastiken, darunter die sonst ganz unbekannten „Handmadonnnen“: in Bronze gegossene, handgroße Figuren einer Mutter mit Kind, die betrachtend zu umfassen sind, daneben freilich auch die lebensgroßen, aus Holz gearbeiteten Marienfiguren, deren eine ebenfalls im Hause aufgestellt ist.

Aber es entstanden auch Marien-Figuren von 30 cm Größe, darunter eine wunderbare Pietá, eine „Russen-Madonna“, die wie eine Flüchtlingsfrau ein Kind hinter sich herzieht, und ein besonders bezauberndes Halbrelief von Jesus als dreijährigem Kind mit einem Arm voller blauer Wegwarten. Und sie schuf eine Krippe für Romano Guardini, über deren Zauber er in seinem posthum veröffentlichten Tagebuch Wahrheit des Denkens, Wahrheit des Tuns schreibt. Dort fällt auch der Satz: „Maria Elisabeth Stapp war auch da. Sie ist ein kostbarer Mensch, echt und rein, wie ich kaum einen anderen kenne.“ Die Krippe enthält 40 cm große Figuren, darunter Pfarrer Weiger als Hirten in grauem Loden und Romano Guardini als einen der Könige, in Purpur gewandet.

Spuren in vielen Kirchen

Bis 1988 konnte Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen tätig sein, dann setzte ein Schlaganfall ihrer schöpferischen Kraft ein erzwungenes Ende. Sie starb nach jahrelanger Lähmung am 26.April 1995 im Pflegeheim Altshausen in Baden-Württemberg. Liturgisch war es für die kleine Dorfgemeinde St. Johann Baptist der Festtag der Mutter vom guten Rat mit einer langen Wallfahrtstradition. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem Dorffriedhof.

Erinnert sei an ihre großen Werke vor allem in der Diözese Rottenburg/Stuttgart: Sie schuf das überlebensgroße, in Stein gehauene Martinusdenkmal in Weingarten, zum Dank für die Rettung vor Zerstörung der Stadt 1945, sowie an das Hauptportal im dortigen Konventbau des Benediktinerklosters. Sie gestaltete ferner die gesamte Ausstattung der Christkönig-Kirche in Ravensburg: eine farbig gefasste Kreuzigungsgruppe, Altäre, Kanzel, Taufstein, Tabernakel; die Friedenssäule in Ravensburg, die Ausstattung der Kapelle im Hospital zum Heiligen Geist in Laupheim, eine Maria unter dem Kreuz in der – jetzt aufgehobenen – Kapelle des Paulusstiftes in Stuttgart; die Altäre in der Spitalkirche in Ravensburg, in den Pfarrkirchen Upflamör und Goppertsweiler; das Ehrenmal, den Marienbrunnen und die Mariensäule in Ravensburg; den Altar für die Magdalenenkirche in Biberach; den Hochaltar für die Klosterkirche in Heiligkreuztal; die lebensgroße Kreuzigungsgruppe für die Stadtpfarrkirche in Tettnang und vieles mehr, vor allem auch Grabsteine und Mahnmale. Die Kirche St. Sebastian in München-Schwabing birgt zwei frühe Arbeiten der Künstlerin: einen Taufbrunnen in der Krypta und ein Tafelbild des heiligen Judas Thaddäus. In der Kirche Heilig

Allerdings ist bereits festzustellen, dass manche Kunstwerke wieder aus den Kirchen verschwunden sind, ohne Spuren zu hinterlassen. So liegt die Tettnanger Kreuzigungsgruppe im Keller des Pfarrhauses und kann nicht besichtigt werden. Das Kunstwerk in Goppertsweiler (bei Tettnang) ist entfernt, ebenso der Hochaltar in der Klosterkirche Heiligkreuztal; Verbleib unbekannt. Es existiert dort nur eine Madonna, abgestellt in einem Büro. Die Innenausstattung in Upflamör bei Zwiefalten ist völlig neu, alles andere entfernt, Verbleib unbekannt. Nur zwei kleine Objekte (Weihwasser-Türchen und Taufstein-Deckel) sind erhalten. All dies wirft leider ein Licht auf den Umgang mit den Werken der vorangegangenen Generation.

Suchen nach tieferen Dingen

Bereits 1962 versuchte das Staatliche Amt für Denkmalpflege in Tübingen das künstlerische Werk von Maria Elisabeth Stapp würdigend in die Zeit einzuordnen: „Fern aller in der Kunstwelt kursierenden modischen Strömungen und frei von persönlichem Ehrgeiz arbeitet Frau Stapp in der Stille für ihren Beruf. Ihr weltanschaulich gefestigtes Leben ist erfüllt von unablässigem Suchen nach einem sichtbaren, plastischen Ausdruck für die tieferen Dinge. Ohne Gnade kritisch an sich selbst, mit einer nie versiegenden Phantasie begabt, von einem erstaunlichen Fleiß getrieben, keinem künstlerischen Vorbild verpflichtet, von einem sicheren Gefühl für das rechte Maß geführt, der Wirkung verschiedenster Materialien instinktiv bewusst, findet Frau Stapp bei den ihr gestellten Aufgaben eine überlegen gestaltete, eigenste Lösung. Wir kennen sie als Meisterin der Kleinplastik und des Majolika-Reliefs, als Porträtistin von Rang, als Bildhauerin…“ Diese Worte lassen sich bestätigen, wenn man nur an die für die damalige Zeit hoch ungewöhnliche Plastik einer „Maria, Jungfrau Israel“ denkt: einer schlanken Frauengestalt ohne Kind mit einem hebräischen Spruchband in der Hand, denn die Mönche von Ottobeuren übersetzten für die Künstlerin das griechisch überlieferte Magnificat in die Ursprungssprache.

Der 1993 gegründete Freundeskreis Mooshausen kümmert sich um die Erhaltung und Verbreitung des Erbes von Maria Elisabeth Stapp.


Annäherung an eine Bildhauerin

von Dr. Renate Krüger

Im Jahre 1995 starb die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp im Alter von 87 Jahren und hinterließ ein umfangreiches Werk, das zwar in die Öffentlichkeit vor allem des oberschwäbischen Raumes integriert, dessen Entstehungs- und Wirkungsgeschichte aber weithin unbekannt ist und dringend der wissenschaftlichen Aufarbeitung bedarf. Maria Elisabeth Stapp verlebte ihre ersten 6 Lebensjahre in dem bunten und traditionsreichen Städtchen Riedlingen an der Donau, wo sie am 20. Februar 1908 als Kind eines Kaufmanns und Erfinders das Licht der Welt erblickt hatte. Zweifellos sind Prägungen aus diesen frühen Kindheitsjahren, so die vielseitigen Familieninteressen, intensive visuelle Eindrücke der allemannischen Fastnacht und des schwäbischen Barock auch nach der Übersielung der Familie im Jahre 1914 nach München lebendig geblieben. Dazu kamen weitere wichtige Prägungen durch religiöse und künstlerische Einflüsse mit der Konsequenz einer klaren und unwiderruflichen Berufswahl. Für die religiöse Welt steht der spirituelle Aufbruch aus dem Benediktinerkloster Beuron, für die künstlerische die Münchner Akademie der Bildenden Künste, mit der so klangvolle Namen wie Lovis Corinth, Wassilij Kandinsky, Paul Klee und Franz Marc verbunden sind.

Schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war im Benediktinerkloster Beuron unter Förderung durch den Erzabt Maurus Wolter eine Kunstrichtung entstanden, die einen Gegenpol zur gefühlsseligen naturalistischen Kirchenausstattung bilden und zu einer liturgiegerechten Form führen wollte.

Einer der ersten Theoretiker der Beuroner Kunst ist der Architekt und Bildhauer Peter Lenz, der 1898 die Schrift „Zur Ästhetik der Beuroner Schule“ herausgab, in der er eine „heilige Kunst“ mit Elementen einer ästhetischen Geometrie und den Zahlenproportionen der Ägypter entwarf. Bald entwickelte sich eine Arbeitsgruppe von Bildhauermönchen, die auch auswärtige Aufträge ausführten. Die Beuroner Kunst erlebte Höhen und Tiefen und wirkte vor allem durch ihre theoretischen Exkurse, mit denen Maria Elisabeth Stapp früh in Berührung gekommen sein muß, zumal sie sich in besonderer Weise zur benediktinischen Lebensweise hingezogen fühlte.

Dieser Lebensweise war sie in der nach dem ersten Weltkrieg auch in München mächtig aufbrechenden katholischen Jugendbewegung begegnet, und sie schloss sich einem Kreis junger Frauen an, die seit 1926 regelmäßig zusammenkamen, um das monastische Stundengebet zu beten. Aus diesem Kreis entwickelte sich allmählich mit Unterstützung der Benediktinerklöster Beuron und Ettal eine an der Regel des heiligen Benedikt orientierte klösterliche Lebensform und Gemeinschaft, die sich den Namen „Venio“ gab. Im Jahre 1927 trat sie unter dem Namen Schwester Hermana dem äußeren Kreis der Beuroner Gemeinschaft bei. Ihr ausgeprägter Individualismus, der von kreativen Impulsen dominiert wurde, ließ sich auf die Dauer nicht mit einem klösterlichen Gemeinschaftsleben vereinbaren. Das benediktinische Ora et Labora – bete und arbeite – blieb ihr jedoch durch ihr ganzes Leben oberste Richtschnur.

Ihre künstlerischen Studien absolvierte Maria Elisabeth Stapp an der Münchner Akademie vor allem unter dem Bildhauer Josef Henselmann (1893-1987), der ihr auch eine gründliche handwerkliche Ausbildung vermittelte. Die Akademie hatte nach dem ersten Weltkrieg zwar nicht mehr die Qualität erreicht, die sie um die Jahrhundertwende gehabt hatte, bot aber immer noch die Möglichkeit gediegener Ausbildung, bevor die von Adolf Hitler persönlich protegierten Künstler wie Josef Thorak und Adolf Ziegler allein die Maßstäbe bestimmten. Maria Elisabeth Stapp begann ihre öffentliche Wirksamkeit in einer für sie recht günstigen Ausgangslage, in einer Zeit der Sinnsuche und der religiösen Neuorientierung, die nach einem adäquaten Ausdruck auch in der Kirchenausstattung verlangte, eine Entwicklung, die durch den zweiten Weltkrieg unterbrochen, danach aber weitergeführt wurde. Der Boden war bereitet, die Resonanz entsprechend. Auf Grund ihrer Beuroner Prägung schuf Maria Elisabeth Stapp fast ausschließlich religiöse Kunst, vorwiegend Plastiken. Gelegentlich hat sie auch gemalt. Ihre Gestaltungsmöglichkeiten umfassen sowohl Plaketten und Medaillen, als auch Monumentalplastiken, die ihre Wirkung nach wie vor an vielen oberschwäbischen Orten verbreiten und die Blicke auf sich lenken. Zwischen diesen beiden Polen entstanden zahlreiche kirchliche Ausstattungsstücke wie Tabernakel, Leuchter, Kruzifixe, Weihwasserbecken und zahlreiche Statuen, nicht zu vergessen auch die eindrucksvollen privaten und öffentlichen Grabmäler. Ein Datierungs- und Bewertungssystem kann erst mit einem umfassenden Werkverzeichnis entwickelt werden.

Von ihren Vater wurde Maria Elisabeth Stapp auf den Mooshauser Pfarrer Joseph Weiger aufmerksam gemacht, der zum Freundeskreis der Familie gehörte. Auch Pfarrer Weiger hatte tiefe Wurzeln in Beuron. Er hatte ein Noviziat in der Erzabtei begonnen, konnte aber aus gesundheitlichen Gründen nur als Benediktiner-Oblate verwirklichen und musste sich mit der winzig kleinen Pfarrstelle Mooshausen in der Nähe von Memmingen zufrieden geben. Seine Kommunikation war auf die ständig wachsende Bibliothek und einen kleinen, aber hochkarätigen Freundeskreis angewiesen, in dem ein Gefährte aus Studienzeiten, Romano Guardini, an vorderster Stelle stand. Aus diesem Kreis entwickelte sich für Maria Elisabeth Stapp der stärkste und wichtigste Schaffensimpuls, der die eingeschlagenen Wege mit unerwarteter Intensität weiter führte und für nur Geahntes und noch Gestaltloses den Durchbruch brachte. Mooshausen wurde für Maria Elisabeth Stapp zum kreativen Biotop, zur geistigen und später auch zur realen, stets spirituell ausgerichteten Werkstatt, ein einmaliges Phänomen in der künstlerischen Landschaft Deutschlands. Das Pfarrhaus Mooshausen wurde zum Begegnungsort, zum Informations- und Konsultationszentrum, hier erfuhr Maria Elisabeth Stapp Wesentliches und Zentrales, das, was später Beratungs- und Entscheidungsgegenstand des Konzils wurde. Hier wurden Prozesse in Gang gesetzt und abgeschlossen. Die kreative Atmosphäre des Hauses ließ vieles entstehen. Über 30 Jahre hat Maria Elisabeth Stapp in Mooshausen gelebt.

An dieser Stelle soll in unregelmäßiger Reihenfolge ein Kunstwerk von Maria Elisabeth Stapp vorgestellt werden. Am Beginn dieser Reihe steht eine ihrer letzten Schöpfungen, das Porträtrelief der heiligen Rosa von Lima, dessen Entstehung in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem Werden des neuen Freundeskreises zu sehen ist.
Auftraggeberin dieses Werkes war Elisabeth Prégardier als stellvertretende Geschäftsführerin der Bischöflichen Aktion ADVENIAT zur Unterstützung der Kirche Lateinamerikas. Über diese erste Begegnung schreibt sie:

Am 6. Juni 1985 stand ich zum ersten Mal vor der alten ehrwürdigen Eingangstür des Pfarrhauses in Mooshausen, zog am Glockenstrang, und alsbald öffnete sich die Tür, und ich stand der Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp gegenüber, die mich eindringlich prüfend mit ihren blauen Augen anschaute. Wahrscheinlich sah sie dieser ersten Begegnung mit ähnlicher Spannung entgegen wie ich.
Was hatte mich in diesen kleinen oberschwäbischen Ort geführt? Am 30. August 1961, dem Festtag der heiligen Rosa von Lima, begründet, sah das Hilfswerk ADVENIAT seinem 25jährigen Bestehen im Jahr 1986 entgegen. Beeindruckt von dem Relief der heiligen Gertrud von Helfta, das Maria Elisabeth Stapp 1953 für die Bundeszentrale des Frauenbundes in Köln geschaffen hatte, hatte ich den Wunsch, dass zum Adveniat-Jubiläum ein Relief von Rosa von Lima, der Patronin Lateinamerikas, gestaltet werden sollte.
Maria Elisabeth Stapp nahm den Auftrag an, obgleich sich die Siebenundsiebzigjährige seit 15 Jahren aus Krankheitsgründen nicht mehr mit größeren Arbeiten beschäftigt hatte. Es zeigte sich bald, dass dieser Auftrag ihr neue Energie und Schaffenskraft verlieh, und schon im Oktober 1985 konnten wir das aus Ton geformte Relief betrachten und vorsichtig von seiner Arbeitsfläche ablösen, damit es gebrannt werden konnte.
Das bei dieser Gelegenheit entstandene Foto zeigt die Freude der Künstlerin über das gelungene Werk. Leider erfolgte wenig später eine herbe Enttäuschung, denn das Tonrelief hielt dem Brennprozeß nicht stand und zersprang in viele Scherben. Maria Elisabeth Stapp machte sich noch einmal an die Arbeit und ließ das Relief vorsorglich in Bronze gießen.

Das lebendige Situationsfoto zeigt ein glückliches altes Gesicht neben einem nach innen gewandten jugendlichen Antlitz. Ein Relief mit der Wirkung eines Tafelbildes, aus dem noch barocke Elemente nachwirken.

Rosa von Lima, Tochter spanischer Eltern, lebte von 1568 bis1617 in Peru. Sie erhielt den Namen Rosa, da ihre Mutter nach der späteren Legende bei der Taufe eine Rose über ihrer Tochter schweben sah. Gegen den Willen der Eltern, die die Hochzeit schon geplant hatten, schloss sie sich 1606 als Terziarin dem Dominikanerorden an und führte ein streng asketisches Leben. Rosa gründete das erste kontemplative Kloster Südamerikas, das Kloster der heiligen Katharina von Siena, setzte sich für die Krankenpflege ein, engagierte sich in der Glaubensverkündigung und ermahnte die Priester zu einem ordentlichen, geistlichen Leben.

Das Relief zeigt die Heilige als geistliche Braut mit ihren vielschichtigen Sinnbildern Rose, Herz und Kreuz und zeugt vom Nachwirken alter christlicher Bildvorstellungen in einer Zeit der Umbrüche, des Esoterikbooms und der zunehmenden Entkirchlichung. Es entstand nach einer längeren Schaffenspause und setzt einen späten Markierungspunkt in einem langen Künstlerleben. Und es bildet einen Übergang zum neuen Freundeskreis Mooshausen, der sich von diesem Zeitpunkt an zusammenfand.