Das Haus

Den Mittelpunkt des alten Pfarrhauses Mooshausen bildeten von jeher Gastlichkeit, Freundschaft, thematisch weiträumige Gespräche, einfühlsames Interesse an den Mitmenschen. Dieser einzigartigen Kultur des Privaten. verliehen Josef Weiger und Romano Guardini, Maria Knoepfler und Maria Elisabeth Stapp eine gültige Form, in der sich Besucher und Gäste heimisch fühlten und zu Freunden wurden.

Seit 1997 werden in Vorträgen, Kolloquien und Tagungen Themen aufgegriffen, die sich aus der Mooshauser Tradition ergeben. Als eine Zelle modernen Christentums im Sinne der Menschen, die hier wirkten, soll die Tradition des Gespräches, der Kunst und des Gebetes im Pfarrhaus von Mooshausen wiederaufleben.

Im März 2013 wurde das Pfarrhaus zu einem Denkort am ‚Großen Erinnerungsweg Oberschwaben‘ » weiter

Am Pfingstsonntag um 8 Uhr strahlte der Bayrische Rundfunk im Hörfunk BR2 in der Reihe „Katholische Welt“ die Sendung „Begegnungen in Mooshausen“ aus in der über Romano Guardini und seine Freundschaft mit Josef Weiger und die Bedeutung des Pfarrhauses für den Widerstand in der Zeit des Nationalsozialismus berichtet wird » weiter


Die Bewohner

Das schwäbische Pfarrhaus, überragt von einer mehrhundertjährigen Linde, war seit 1917 zum Mittelpunkt eines weitverzweigten Freundeskreises um Pfarrer Josef Weiger geworden. Eine Vielzahl von Freunden und Ratsuchenden fand bis zum Tod von Josef Weiger 1966 den Weg in das kleine Dorf um die alte Wallfahrtskirche St. Johann Baptist.

Das schwäbische Pfarrhaus, überragt von einer mehrhundertjährigen Linde, war seit 1917 zum Mittelpunkt eines weitverzweigten Freundeskreises um Pfarrer Josef Weiger geworden. Eine Vielzahl von Freunden und Ratsuchenden fand bis zum Tod von Josef Weiger 1966 den Weg in das kleine Dorf um die alte Wallfahrtskirche St. Johann Baptist.

 An erster Stelle ist Romano Guardini zu nennen. Der Freund Weigers aus Tübinger Studienjahren suchte über Jahrzehnte Gespräch und Austausch und nicht zuletzt Gastlichkeit im Mooshausener Pfarrhaus. In den Jahren 1943-1945 nahm er dort dauernde Zuflucht vor dem Bombardement Berlins. Von hier aus wurde er 1945 an die Universität Tübingen berufen, wo er bis 1948 lehrte. Der rege geistige Austausch in dieser seltenen Freundschaft ist zu lesen in Guardinis postum erschienenen „Briefen an einen Freund“: » „Ich fühle, daß Großes im Kommen ist.“

Seit 2017 gibt es ein Seligsprechungsverfahren für Guardini.

Maria Knoepfler Übersetzerin John Henry Newmans, führte bis zu ihrem Tod 1927 den Mooshausener Pfarrhaushalt. Joseph Bernhart, Manfred Hörhammer, Ernst Michel, Ida Friederike Görres, Fridolin Stier, Eugen Jochum, Wilhelm Geyer und Gerta Krabbel zählten zu den Gästen oder Brieffreunden Weigers. In langen Jahrzehnten wurde in der kleinen Zelle des schwäbischen Pfarrhauses das Konzil mit vorbedacht und vorgelebt. In der schweren Zeit des Nationalsozialismus wurde Mooshausen zu einem verschwiegenen Zentrum geistigen Widerstehens.

Maria Elisabeth Stapp, Bildhauerin aus München, schloß sich Ende der dreißiger Jahre dem Freundeskreis an. Sie schuf durch den geistigen Austausch inspirierte Kunstwerke in Holz, Ton, Stein und Bronze u. a. für zahlreiche Kirchen der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Anfang der sechziger Jahre verlegte sie ihr Atelier von Ravensburg nach Mooshausen und arbeitete dort bis 1988. Ihr Impuls gab den Anstoß zur Gründung der Gedenk- und Arbeitsstätte in Mooshausen, die sich heute im 1993 gegründeten „Freundeskreis Mooshausen e.V. verwwirklicht.


Der Kreis der Freunde

Im Wintersemester 1906/07 lernten sich Josef Weiger und Romano Guardini in Tübingen kennen und begründeten eine lebenslange Freundschaft, in der sie sich bestärkten und ergänzten, die sie um neue Inhalte erweiterten und in die sie auch andere einbezogen. So entstand ein Freundeskreis aus vielfältigen Beziehungen, u.a. mit wegweisenden Persönlichkeiten aus dem Benediktinerkloster Beuron. Nachdem Josef Weiger 1917 Pfarrer in Mooshausen geworden war, wurde das spätbarocke Pfarrhaus zum Treffpunkt des Freundeskreises. Nicht nur Guardini war regelmäßig im Jahr zweimal dort zu Gedankenaustausch und Erholung, berührt vom Frieden und der Geistigkeit des Hauses und der Lieblichkeit der Landschaft. Bedeutende Vordenker und Wissenschaftler, darunter Joseph Bernhart und P. Manfred Hörhammer, sowie viele Ratsuchende und am Leben Verzweifelnde kamen in das Haus. Guardini sandte aber auch nicht selten von Berlin aus jene, die ihn um Rat angingen oder konvertieren wollten, zu seinem Freund, „dem ich persönlich ganz vertraue und der geistig wie menschlich ganz offen und reich ist…“

Vom Sommer 1943 bis Herbst 1945 lebte Guardini ganz im Mooshauser Pfarrhaus, nachdem er seinen Berliner Lehrstuhl verloren hatte und die ständigen Luftangriffe lebensbedrohlich geworden waren. Seit dem Frühjahr 1944 trafen sich die Freunde wöchentlich auch im benachbarten Pfarrhaus von Treherz zu Gesprächs- und Leseabenden mit dem zwangspensionierten Pädagogen Hermann Binder, der mit seiner Frau auf dem Gutshof des Fürsten Zeil Zuflucht gefunden hatte. Binder stand in Kontakt mit den Männern des 20.Juli und sorgte nach Kriegsende dafür, daß Guardini eine Professur in Tübingen erhielt. Auch bedeutende Frauen gehörten zum Kreis der Freunde, so bis zu ihrem frühen Tod 1927 die Newman-Übersetzerin Maria Knoepfler und nach Kriegsende die Bildhauerin Maria Elisabeth Stapp, die in Mooshausen ihr Atelier einrichtete und Werke von großer Ausstrahlungskraft schuf.

Aus jahrzehntelangen Begegnungen und Gesprächen, aus Geben und Nehmen entstand der Geist des Aufbruchs, der Geist des „katholischen Frühlings“, der die großen Themen des Zweiten Vaticanums mit vorbedachte.
Aus diesem Aufbruch können auch wir noch Inspiration und Kraft für die Aufgaben von Kirche und Welt in Gegenwart und Zukunft schöpfen.

Nach Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Einer Freundschaft Blühen

In: Begegnungen in Mooshausen


Das Nachbarhaus

Das Haus der Familie Bärtle liegt direkt westlich neben dem Pfarrhaus in Mooshausen.

Vater Philipp Bärtle (+1942) war der letzte Illerflößer.

Tochter Mina Bärtle (+1948) hat 18 Jahre lang den Haushalt von Pfarrer Weiger im benachbarten Pfarrhaus geführt.

Sohn Josef Bärtle wurde am 3. Mai 1892 in Mooshausen geboren und am 7. Juni 1916 in Rottenburg zum Priester geweiht. 1935 berief Bischof Sproll Josef Bärtle zum Geschäftsführer und 1938 zum Direktor des 1933 gegründeten Kath. Bibelwerkes Stuttgart. Wegen der starken Bombardierungen verlegte gegen Kriegsende Josef Bärtle die Geschäftsstelle in sein Elternhaus nach Mooshausen.
Aus der lokalen Nachbarschaft entwickelte sich ein herzliches Miteinander der beiden Priester, in das auch Romano Guardini, der beste Freund von Josef Weiger, einbezogen war.
Ein jäher Unfalltod in Mooshausen riss Josef Bärtle am 9. Mai 1949 aus rastloser, erfolgreicher Tätigkeit.

Mehr über Josef Bärtle >> hier 


Das Pfarrhaus wird „Denkort“

Am 16. März 2013 enthüllte Bischof Dr. Gebhard Fürst am Alten Pfarrhaus von Mooshausen eine Gedenktafel des „Denkstättenkuratoriums NS Dokumentation Oberschwaben“. Das Pfarrhaus wurde hiermit zu einem Denkort am „Großen Erinnerungsweg Oberschwaben“. Zeitgleich wurde die » Ausstellung des Freundeskreises Mooshausen „Das Pfarrhaus von Mooshausen und die Weiße Rose“ im alten Schulhaus von Mooshausen eröffnet.

Josef Weiger (1883-1966), seit 1917 Pfarrer in Mooshausen, gab bereits 1923 in einem Artikel der Frankfurter-Allgemeinen eine genau enthüllende Beschreibung der NS-Ideologie. Seinem Freund, dem Religionsphilosophen und Theologen Romano Guardini, wurde 1939 in Berlin dessen Lehrstuhl für katholische Weltanschauung durch „Aufhebung“ entzogen. Dass Guardini einen nachdenklichen Teil studierender Jugend gegen den NS-Staat zu immunisieren vermochte, ist manchen Zeugnissen zu entnehmen. Bekanntlich lasen Willi Graf von der Weißen Rose und auch Hans und Sophie Scholl seine Bücher und machten sich daraus Notizen, ebenso wie Tausende anderer. Nach zunehmendem Bombardement in Berlin fand Romano Guardini von 1943-1945 eine Heimstatt im Pfarrhaus von Mooshausen, wurde aber auch dort von der Gestapo observiert. In Mooshausen entstanden kulturkritische Schriften, die erst nach dem Krieg erschienen: Der Heilbringer in Mythos, Offenbarung und Politik (1946), Das Ende der Neuzeit (1950) und Die Macht (1951), ebenso die Münchner Rede vom 4. 11. 1945 über die Weiße Rose: Die Waage des Daseins.
Daraus erwuchs die Tübinger Rede vom 23. 5. 1952: Verantwortung. Gedanken zur jüdischen Frage. Mit dem Hochland-Kreis um Carl Muth und Theodor Haecker im geistigen Fundament verbunden, mit dem als Direktor des Stuttgarter Eberhard-Ludwig-Gymnasiums amtsenthobenen Hermann Binder und dem ihm verbundenen regimekritischen Gesprächskreis ganz in der Nähe in Treherz im Dialog stehend, lebten die Freunde im idyllischen Pfarrhaus von Mooshausen im politischen Dauerrisiko.
Der Künstler Wilhelm Geyer (1900-1968), in Mooshausen geschätzter Gast, befreundet mit Josef Weiger und Romano Guardini, stand 1943 wegen seiner Kontakte zu Hans und Sophie Scholl von der Weißen Rose vor dem Schwurgericht in München, wurde aber mangels Beweisen freigesprochen.

Zum Freundeskreis Guardinis in Berlin und Josef Weigers in Mooshausen gehörten Dr. Erwin Planck und seine Frau Nelly. Das Pfarrhaus kannte Erwin Planck aus persönlicher Anwesenheit. Von den Nazis aus dem Staatsdienst entlassen, wurde er wenige Tage nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet, gefoltert und vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Er wurde am 23. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee ermordet: zusammen mit neun anderen Widerständlern, darunter Eugen Bolz, Helmuth James Graf von Moltke und Nikolaus Groß.