Sonntagsgedanken, 29. November 2020 - 1. Advent


„Ad te levavi“:
Liturgische Einstiegsgedanken zum Advent

Die römische Liturgie, der wir in unserem deutschen Messbuch folgen, beginnt den ersten Adventssonntag mit folgendem Eröffnungsvers (Introitus):

„Ad te levavi animam meam: Deus meus, in te confido, non erubescam: neque irrideant me inimici mei: etenim universi, qui te exspectant, non confundentur.“

Der Vers stammt aus Psalm 24 (Verse 1–3) und lautet in deutscher Übersetzung folgendermaßen:

„Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, dir vertraue ich. Lass mich nicht scheitern, lass meine Feinde nicht triumphieren! Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden!“

Anders als im heutigen Messbuch wurde früher noch der 4. Vers desselben Psalms angehängt:

„Vias tuas, Domine, demonstra mihi: et semitas tuas edoce me“ – „Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!“

Der 25. Psalm ist in der Liturgie des Adventssonntag von früh auf verankert und wird auch noch im Graduale (Antwortgesang nach der Lesung) und in der Offertorium-Antiphon (bei der Gabenbereitung) zitiert. Angesprochen ist „meine Seele“, also mein Innerstes, meine Mitte, mein Wesenskern. So oft bin ich ja ein veräußerlichter Mensch, zerstreut in die vielen Gedanken, Gefühle, Empfindungen, Eindrücke und Aufgaben. Der Advent kann zur Zeit der Sammlung werden, zum Weg in die Mitte, zur Wiederentdeckung meines Wesenskerns.

Aber wenn dieser Weg nur zu mir selbst führt (wie in vielen Formen der Meditation), so handelt es sich noch nicht um einen adventlichen Weg. Bei diesem kommt es darauf an, meine Seele zu „erheben“, sie also in Bewegung zu setzen, und zwar nach „oben“, das heißt: auf Gott hin. Erst dort kann ich ganz zur Ruhe kommen, wie bereits der Kirchenvater Augustinus formulierte:

„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“

Wenn dann auch noch vom „Vertrauen“ die Rede ist, dann befinden wir uns in der eigentlich christlichen Haltung. Diese setzt voraus, dass Gott von sich aus aktiv geworden ist und dass er sich gezeigt hat in einer Weise, die auf immer unser Herz gewonnen hat. Er verdient unser Vertrauen mehr als all die anderen, die unser Herz zu erobern suchen. Wir vertrauen auf ihn – und sagen das schon am Beginn eines neuen Kirchenjahres, am ersten Advent, beim Schein der ersten Kerze des Adventskranzes.

Aber auch die Kehrseite sei nicht verschwiegen: „Feinde“ sind da – solche, die mein Vertrauen in Gott lächerlich machen, die es zu zerstören versuchen, die mich anderswohin führen wollen. Wer hindert uns, auch all die Widrigkeiten unserer derzeitigen Weltlage einschließlich der Corona-Pandemie unter jene Feinde zu rechnen, die der alttestamentliche Psalmenbeter mitten im adventlichen Aufschwung ungeschminkt nennt. Gerade angesichts dieser Widrigkeiten erhält dieser „Weg“ seinen letzten Sinn: Rettung ist nur bei dem Gott, der durch Jesus Christus unser Herz gewonnen hat, auf den wir vertrauen. Wer auf ihn hofft, auf ihn baut, der wird nie und nimmer „zuschanden“!

Doch weil wir bisweilen ein bisschen unsicher werden, weil die Alternativen gar so glänzend und überzeugend erscheinen, bedürfen wir des inständigen Gebets:

„Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!“

Mögen wir in dieser Hinsicht in den nächsten Wochen wieder einmal ein Stück weit vorankommen! Möge der Weg klarer werden vor uns! Mögen wir noch tiefer begreifen, welche Pfade wirklich zum wahren Glück führen!

Alfons Knoll


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