Sonntagsgedanken, 25. Dezember 2020 - 1. Weihnachtsfeiertag


Feiertagsgedanken zu Weihnachten

 Warum hat die Geburt eines Kindes vor 2000 Jahren so etwas wie ein weltweites Weihnachtsfest hervorgebracht? Ist es nur eine immer blasser werdende Erinnerung, die sich in ein paar freie Tage und ein allgemeines Beschenken verliert? Oder wartet am Grunde doch noch eine Ahnung, dass in dieser Geburt mehr und anderes geschehen ist als sonst? Gehen wir dieser undeutlichen Ahnung nach. Tatsächlich ist etwas Merkwürdiges nachzuzeichnen.

Die alte Welt verehrte und erlebte ihre Götter als Wesen der Macht: als Naturgewalten, als unzähmbaren Trieb, als rätselhaftes, oft furchterregendes Verhängnis. Alles Göttliche kam in der Regel überfallartig über den Menschen, prägte, verwirrte, begeisterte ihn und ließ ihn dann wieder in Ruhe.

Unter diesen Völkern der antiken Großreiche gab es ein kleines, das seinen Gott merkwürdig anders erfuhr. Es tat sich entsprechend schwer mit ihm, und seine Theologen klagten über die Halsstarrigkeit des Volkes, das lieber weiterhin die rohe Kraft der Götzen anbetete. Dieses Volk wurde einmal verschleppt – zur Strafe, wie dieselben Theologen sagten – in eine fremde Hauptstadt, in das alte, herrliche Babylon; dort hing es seine Harfen an die Weiden und weinte.

Währenddessen lief ihm seine Jugend davon in die Tempel mit den prachtvollen Götterstatuen und den tagelangen Festen. Denn die Jugend braucht mehr als Tränen und traurige Erinnerungen, nämlich Sinnenfreude, Prozessionen, Schauspiel und Glanz. In dieser Zeit schrieb die Priesterschaft des verlorenen Volkes einen Text. Er wurde weltberühmt, bis heute haben ihn die meisten im Ohr, ohne ihn deswegen schon wirklich zu verstehen. Er lautet: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis.“ Das Wort Bild bezeichnete im Urtext und die Götterstatuen, die von ferne in den Tempeln schimmerten. So heißt der Satz eigentlich: „Gott schuf den Menschen als sein Götterbild.“

Mit dieser unerwarteten Wendung bewirkte der Satz eine geistige Explosion: Das einzig echte Abbild Gottes ist der Mensch. Nicht an den Statuen aus Lehm und Gold, nein, an sich selbst sieht der Mensch Gott. Dort, und nur dort, ist der Unsichtbare doch zu sehen. Alle anderen Abbildungen sind verboten, aber Mann und Frau, diese beiden sind Gottes Selbstporträt.

Der Name dieses Volkes, längst schon zu erraten, war Israel. Und nachdem Gott sein Volk immer wieder an überraschende Wendungen gewöhnt hatte, wird er den alten Text vom Menschen, seinem einzigen Abbild, noch einmal unterstreichen. Er wird nämlich selbst Mensch. Einfach ein Mensch. Die Propheten hatten vorausgesagt, Er werde noch einmal etwas Unausdenkliches unternehmen. Das Unausdenkliche geschieht, allerdings könnte man sagen: typisch für Gott, nämlich alltäglich. Lukas, der die Geschichte am ausführlichsten erzählt, berichtet von einem Neugeborenen und legt dabei Nachdruck auf die Windeln … Gott als Säugling also. Ein wenig mehr Glanz hätte wohl nicht geschadet; die Besucher, ob Hirten oder Sterndeuter, tun sich schwer mit dem Finden. Es bleiben aber wirklich nur ein Stern (der

den wenigsten auffiel), eine als Stall benutzte Höhle, die Windeln als Kennzeichen – genauer genommen also keine Kennzeichen. Oder doch?

Wie Gott die Götterbilder nicht braucht, sondern nur das menschliche Gesicht, so braucht er auch nicht ein überwältigendes Spektakel bei seiner Ankunft, sondern den Alltag. Freilich in der schönen Bedeutung des deutschen Wortes: den Tag, in dem alles enthalten ist. Die Übung, zu der er sein Volk so unnachgiebig erzog, meinte gerade die Aufmerksamkeit auf sein leises Kommen und Gehen. Mitten im Gewohnten nimmt er Wohnung. Er braucht einen Stammbaum (der übrigens einige Seitensprünge enthält), eine Mutter, eine Adresse (das Provinznest Nazareth), einen Beruf (Zimmermann, interessanterweise nicht Schriftgelehrter), eine Lebensspanne von 33 Jahren und einen Tod. ja, sogar einen Tod, denn mit dem Fleisch übernahm er auch das Ende des Fleisches. Und woher weiß man bei all diesem Normalen dann, dass man gerade auf ihn zu warten hatte? Ohne Zweifel ist es ein schöner Gedanke, dass Gott im Alltag Platz nimmt, aber wie kann man ihn im Einerlei noch ausfindig machen?

Weil alles an diesem Leben normal ist und doch bewegend anders, tiefer, erregender, heftiger. Schon die Hirten fallen auf die Knie, obwohl wirklich nur ein Säugling zu sehen ist. Auch die Sterndeuter werden in dem schäbigen Stall unbegreiflicherweise das Königliche an dem Kind wahrnehmen. Später wird der größte religiöse Lehrer der Zeit, Johannes der Täufer, schlagartig wissen, dass die Jahrtausende auf niemand anderen gewartet hatten. Schon in dem Kind bekundet sich eine fremdartige Macht, später in dem Mann. Wer mit ihm zu tun hatte, geriet in eine merkwürdige Bedrängnis: sich entscheiden zu müssen für oder gegen ihn. Die Begegnung provozierte Hass oder Hingabe, Selbstverschließung oder Neugeburt, Hut und Bergung, aber auch Gericht und Drohung, rätselhafte und doch ihrer selbst sehr sichere Liebe, aber auch mühsamen Umbau des eigenen Herzens. jedenfalls: Nichts blieb so, wie es war. Das übliche Leben geriet plötzlich an den wirklich Lebendigen.

Eine solche umstürzende Begegnung mit Jesus hatte ein junger Jerusalemer Jude mit dem griechischen Namen Stephanus. Unmittelbar nach dem Geburtsfest Jesu wird an sein Martyrium gedacht, das erste übrigens in der Urgemeinde. Blutüberströmt, von den Steinen bereits in die Knie gezwungen, ruft er immer noch aus: dass wirklich durch diesen Menschen der Himmel offensteht, dass dieser Mensch der Himmel ist.

Für diese unglaubliche Einsicht lässt sich Stephanus erschlagen, als erster einer langen Kette von Zeugen. Und allen, genau wie Stephanus, kam die Hingabe ihres Lebens gering vor im Vergleich zu dem Licht, das sie getroffen hatte: dass Gott nicht bloß die Maske eines Menschen vorgehängt hatte. Gott hat den Lehm Adams, die Ackererde, aus der wir alle gemacht sind, selbst übernommen. Er hat unser Leben gelebt, unsere Liebe geliebt, ist unseren Tod gestorben.

Vielleicht ist es diese Tatsache, die an Weihnachten, unbegriffen, doch die Menschheit ergreift.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


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