Sonntagsgedanken, 18. April 2021


Gedanken  zum 3. Ostersonntag Lesejahr B

 

Zeugnis geben

            Das Evangelium dieses Sonntags weist eine Fülle von Gedanken und Glaubensaussagen auf. Das Spektrum reicht von der Anerkenntnis der leiblichen Auferstehung Jesu durch seine Jünger, den Nachweis, das Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen „schriftgemäß“ war, hin zu dem kleinen (im Griechischen verblosen) Halbsatz am Ende: „… seid ihr Zeugen dafür.“ (Lk 24,48).

            Und dieses ὑμεῖς μάρτυρες τούτων. (hymeis martyres touton) – ihr Zeugen (all) dieses – hat es mir angetan. Es ist eines von den Worten, die aus der Zeit Jesu immer wieder ihren direkten Adressaten in seinem aktuellem Leser bzw. Hörer finden. Ich bin gemeint, wir sind aufgefordert, Zeugnis von Tod und Auferstehung des Herrn zu geben heute wie die Jünger damals. Die Apostelgeschichte, aus der wir in diesen Wochen vieles hören, berichtet ausführlich davon.

            Vor drei Jahren erschien ein bedeutsames literarisches Werk von Martin Mosebach: „Die 21“. Der bekannte Schriftsteller setzt sich darin mit dem Tod und dem Zeugnis der 21 Martyrer der koptischen Kirche in Ägypten auseinander, die medienwirksam und auf grausige Weise vom IS im Februar 2015 in Libyen enthauptet wurden, dem Land in dem sie für ihre Familien als Gastarbeiter den Lebensunterhalt verdienten.

            Vor Jahren, als ich mit einem befreundeten Priester Ägypten besuchte, machten wir auch die Bekanntschaft mit einem jungen Mann, der sich bald als koptischer Christ „outete“. Er zeigte uns ebenso stolz das kleine eintätowierte Kreuz an seiner Handwurzel, wie es die junge Frau aus Mosebachs Schilderung ihm gegenüber tut: „Sie wußten, wie gefährlich es in Libyen war, und sie sind trotzdem geblieben. Sie hatten keine Angst vor dem Martyrium, im Gegenteil. Sie waren bereit zu sterben, sie sehnten sich sogar danach. Das tun wir alle! Wir alle sind bereit und sehnen uns danach, denn wir wollen für Christus einstehen.“[1] Diese Worte einer jungen koptischen Christin über das Leben und Sterben der 21 jungen Männer und ihre eigene Bereitschaft für Christus in den Tod zu gehen, blieben nicht das einzige Zeugnis dieser neuen, fremden Welt, die Martin Mosebach zutiefst berührte und in seinem Selbstverständnis als europäischer Christ erschütterte.

            Sie wollten nicht Blutzeugen werden, aber sie waren dazu bereit! Das ist eine gültige, aktuelle und herausfordernde Antwort auf die drei kleine Worte aus dem heutigen Evangelium, die auch mich anfragen. Das Martyrologium der koptischen Glaubenszeugen zeigt aber dann auch sehr deutlich, dass die Bereitschaft, in den Tod zu gehen, nicht aus dem Nichts kommt, sondern im Leben nach dem Evangelium seinen tiefen Grund hat. So werden die Männer und ihre Familien von Mosebach und der koptischen Kirche geschildert:

            „Dies war das Gemeinsame in allen Häusern: Ich betrat kein Trauerhaus, Beileids- und Mitleids­bekundungen waren fehl am Platz. Die Bewohner schienen auf eine andere Ebene gehoben. Ein Blitz von sengender Gewalt war auf sie niedergegangen, ihm war ein majestätischer Donner gefolgt, der langsam leiser wurde und doch nicht verhallte. (…) Mit der Sprache allein konnte man den Geschehnissen nicht gerecht werden – auch das offizielle Martyrologium der Erzdiözese war angesichts des spärlichen biographischen Materials um Worte verlegen, wenn es darum ging, die Per­sönlichkeiten der einzelnen Märtyrer zu beschreiben.

 

«Er war bereit zum Verzeihen, stritt sich mit niemandem, war zuverlässig und ehrenhaft» (über Magued).

«Er diente seiner ganzen Familie» (über Hany).

«Er war freundlich und hatte ein gutes Herz» (über Ezzat).

«Er schlief mit der Bibel auf der Brust. Er betete und hielt streng die Fasten» (über Malak).

«Sein friedliches Lächeln zeigte seine Nähe zu Gott» (über Luka).

«Er gab Almosen, obwohl er arm war» (über Sameh).

«Er bedachte seine Worte sorgfältig, bevor er den Mund aufmachte» (über Milad).

«Er war verschwiegen, respektvoll und ruhig» (über Issam).

«Er war ruhig, gehorsam und beichtete oft» (über Youssef).

«Er wandte viel Zeit darauf, den <Brüdern des Herrn> (den Armen) zu helfen» (über Bishoy).

«Er war ein Mann des Gebets und der Liturgie» (über Girgis den Jüngeren).

«Er war ein Mann des Schweigens, auch wenn er angegrif­fen wurde» (über Mina).

«Er war ehrlich bei seiner Arbeit und behandelte die Eltern mit Respekt» (über Kiryollos).

«Sein Herz war einfach und rein, und er war demütig in seinen Worten» (über Gaber).

«Er war mitleidig und versuchte anderen zu helfen» (über Girgis den Älteren).

 

Der rote Faden, der sich durch diese Beschreibungen zieht, ist die Verschwiegenheit. Beten, dienen, schweigen – so hätte man Mönche charakterisieren können. Aber Mönche waren sie nicht gewesen, so gern Kiryollos einer geworden wäre – der einzige, dem ein solcher Wunsch nachgesagt wird (…).“[2]

Amen. Halleluja!!!

Pfr. Dr. Andreas Martin

 

[1]Mosebach, Martin: Die 21. Eine Reise ins Land der koptischen Martyrer, Hamburg 2018, 149.

[2]Ebd., 100f.


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