Feiertagsgedanken 4. April 2021 - Ostersonntag


Leib ist der Lieblingsweg der Gnade.

Joh 20, 19-31

 

Was ist alles in den wenigen Zeilen des Evangeliums untergebracht! Zuerst Jesus vor den verschreckten Männern (denen die Feigheit noch im Nacken sitzt), die gewaltige Gabe der Vergebung durch den Geist, die atemlos schöne Szene mit Thomas – und zuletzt der Hinweis, es sei noch viel mehr geschehen. Wenn es eines Beweises bedürfte, dass das Evangelium kein Märchen erzählt, dann hier: Was hätte ein begabter Texter aus diesen kargen Mitteilungen machen können, unendliche Romane… Aber das Überwältigende braucht keine Ausschmückung. Alles drängt; die Fakten jagen sich; was geschieht, geht über alles Begreifen. Wie kostbar deswegen das Misstrauen des Thomas – die Nachrichten über die Rückkehr Jesu sind ja „unmöglich“. Aber wie umwerfend ist dann der Zusammenbruch des Zweiflers. Immer noch ist nichts begriffen, außer: Es ist wirklich Er. Dieser Blitz schlägt ein.

 

Um das Unbegreifliche nicht zu begreifen, nein, nur zu ahnen, schauen wir in die Religionsgeschichte. Können Götter sterben? In den Religionen des Vorderen Orients enden einige Götter im jahreszeitlichen Rhythmus und erstehen wieder im halbjährigen Umschwung. Osiris steigt sterbend in die Totenwelt Ägyptens hinab und erscheint dann verjüngt in der Oberwelt, um sie segnend zu erneuern. Griechenland weiß von Dionysos, dem Gott des trunkenen, hingerissenen Lebens, der mit der Traubenernte vergeht, um im Frühling den Weinstock wieder mit Blüten zu überschütten.

Weiter gefragt: Können Götter ermordet werden? Das Zweistromland verehrt Tammuz oder Dumuzi, den „rechten“ Sohn, den göttlichen Hirten und Geliebten der Ischtar, der auf der Weide von einem Eber zerrissen und mit seinen Gliedern zerstreut wird. Ischtars furchtbare Klage hallt über das Land; die Frauen Babyloniens beweinen ihn drei Tage lang. Doch Dumuzis Leib fügt sich wieder zusammen, Jubel bricht aus und die Erde fruchtet wieder.

In solch großen Erzählungen sammeln sinnliche Bilder das Blühen, Reifen und Welken, das Aufgehen und Untergehen alles Lebendigen; nichts ist von diesem Kreislauf ausgeschlossen. In solcher Wiedergeburt verkörpert sich kein „Ich“, sondern eine anonyme Natur setzt das Leben immer wieder in Gang. Götter sind keine Personen, sie sind naturhafte Kräfte des Ganzen, schwingen aus und gehen unter, irgendwann flammen sie wieder auf. Der Gestaltwandel der Götter und Menschen kennt keine eindeutige Geschichte, keine Stetigkeit. Wiedergeburt heißt Wiedertod, und das in unendlichem Umschwung: „Stirb und werde – werde und stirb!“

 

Immer ist es erneut erstaunlich: Israel sprengt solche Bilder auf. Die göttlichen Geheimnisse überwinden das kreisläufige Denken. Israel erfährt Gott anders als die an- und abschwellende Naturkraft von Meer und Vulkanen, von Feuer, Sonne, Sturm und  Jahreszeiten, von Tod und Geburt. Gott ist mehr als das Universum, in herrlicher Weise anders, tiefer, höher, nicht einzufangen im Irdischen. Zwar führt er die Menschen in Frühlinge und Winter, er selbst aber bleibt unwandelbar in sich, ist machtvoller Urheber des Alls und nicht seinem Rhythmus unterworfen. Und so ist auch der irdische Tod nicht ein Schicksal, das den Lebendigen Gott treffen könnte.

Und trotzdem. Die Evangelien beginnen ja mit dem unwahrscheinlichen Sprung des Schöpfers in seine Schöpfung. Und seit Gott ins Fleisch kam, ist er verwundbar und wurde tödlich verwundet. Ist also die Passion Jesu nichts als ein Wiederholen des alten Mythos vom sterbenden Gott? Ist seine Auferstehung nach drei Tagen nichts als ein Sinnbild für das schöne Wiedererwachen des Lebens im Frühling, für den neuen Kräfteaufschwung des Kosmos?

Es gibt einen wichtigen Schlüssel zur Unterscheidung von heidnischem Mythos und biblischer Erfahrung. Der Schlüssel ist das Fleisch, die wirkliche, geschichtliche Fleischwerdung Gottes. Ho logos sarx egeneto, sagt Johannes staunend: Sarx ist Fleisch, das zum Logos, dem geistigen Wort, quersteht, das mit ihm unvereinbar ist und ihn niederzieht, ja, das dem Tod die Flanke öffnet – und doch hat der Logos sich mit ihm unbegreiflich verbunden. Das ist das Anfangsgeheimnis des Christentums. So stirbt der tatsächlich „rechte Sohn“ in der Passion seines Fleisches. Aber als er aufersteht nach drei Tagen, hat er das Fleisch „mitgenommen“, ja, er hat es verklärt, wie die alte Sprache sagt, und er wird nicht mehr sterben. Leben ist nunmehr ewig. Darin liegt der Unterschied zu Dionysos, zu Tammuz und anderen mythischen Vorbildern, die nur das naturhafte Schwanken von Untergang und Aufgang wiedergeben und selbst nur zeitlose Sinnbilder dafür sind. Sie sind undeutliche Vorentwürfe für Ihn, der ihre Ahnungen wirklich-wirksam einlöst. Jesus geht durch den wirklichen zeitlichen Tod, nicht um den natürlichen Kreislauf zu illustrieren, sondern um den Tod zu durchbrechen: Er nimmt dem Fleisch den Charakter des Vergänglichen und gibt ihm den Charakter des Endelos-Lebendigen. In der Sprache der Zeugen: Sein Fleisch ist „verklärt“.

„Verklärt“ bedeutet, seit Mose mit den Gesetzestafeln des Herrn auf dem Sinai zurückkehrte, ein Umstrahltsein von solchem Licht und solcher Macht, daß alles zurückschreckt. Ein solches Strahlen geschieht schon vor Jesu Tod auf dem Tabor. Aber Verklärung erscheint im Auferstandenen noch gesteigert: Sein Leib ist unabhängig von Schwerkraft und anderen materiellen Gesetzen – er geht durch Wände, ist plötzlich anwesend, kommt und entzieht sich außerhalb von Raum-Zeit-Ordnungen. Jesu Auferstehung hat das Fleisch miterlöst. Auferstehung ist nichts rein „Geistiges“, sie vollendet seine Menschwerdung. „Fleisch wird durch das Fleisch befreit“ (Sedulius). Caro cardo, sagt die frühe Kirche: „Fleisch ist der Angelpunkt.“

Jesu schwerelose und doch greifbare Leiblichkeit wird vielfach und immer wieder anders in den Osterevangelien herausgestellt. Und – was häufig vergessen wird – sie wird durch die Taten vor seinem Tod im Verständnis vorbereitet. Und das dreimal: in Nain, im Hause des Jairus und in Bethanien. Dort holt Jesus „erschüttert“ den schon verwesenden Lazarus aus dem Totenreich zurück. Aber wie äußert er seine Macht? Indem er den Freund durch das dunkelste aller Tore schickt – und ihn dann zurückruft. Ein hartes Spiel der Liebe: Es führt erst in den tiefsten Absturz und danach in leuchtende Höhe und Fülle. Es gibt kein größeres Beispiel für die Sendung und Macht Christi: Er wird den Ort der Schrecken, das Grab, zu einer Stätte des Heils umwandeln. Darum muss Lazarus sterben, darum müssen seine Schwestern durch die Trauer gehen, damit auch die Finsternis erlöst wird. Die Liebe Christi mutet genau das den Seinen zu: Mitten im furchtbaren Grauen wendet sich das Schicksal der Welt.

 

Ebenso wenig nur ein Gleichnis ist die Rede von Jesu Leib nach der Auferstehung. Die Zeugen (und wieviele!) haben ihn leibhaft erlebt, und jedesmal umwerfend. Jesus kommt überraschend, in diese Welt nicht mehr einzuordnen, aber von unabweisbarer Wirklichkeit. Und Wirklichkeit meint eben Leib: berühren, essen, trinken, nach Emmaus wandern, ohne sich den Gesetzen des Irdischen zu verweigern und ohne sich ihnen unterzuordnen.

Nun sind wir bei Thomas, seinem kostbaren Zweifel. Das tief ergreifende Merkmal der leiblichen Identität Jesu sind seine Wunden. Nagelwunden und Herzwunde – jetzt muß er, müssen die Männer genau das ansehen, wovor sie wegliefen. Die Wunden zeigen etwas außerordentlich Schönes: Verklärte Leiblichkeit heißt nicht Retuschieren des irdisch Gebrochenen und Verletzten. An Jesu Leib blieben die Wunden sichtbar, für immer ist er wirklich gefoltert wirden, ist unseren Tod gestorben. Die kranke und böse Wirklichkeit wird nicht übertüncht, sie wird viel mehr: erlöst. An ihm als dem Ersten (von allen) wird sichtbar: Erlösung ist nicht Auslöschen der Identität; sie ist Steigerung der Identität im eigenen Leib.

Thomas bricht zusammen, als er endlich die Hand in die Seitenwunde Jesu legen soll. In diese Minute ergießt sich eine Kaskade der Gnade. Genau so wenig wie man einen Wasserfall in einem Becher auffangen kann, begreift man die Fülle, die da ausgegossen wird. Der bisher Meister war, ist tatsächlich Gott – Gott im Fleisch. Viele Jahrhunderte sind seitdem vergangen – sind wir in die Tiefe dieser Gabe eingedrungen? Wird die Sündenlösung, die mit Christi Blut bezahlt ist, heute gewünscht? Warum ist die Beichte verstummt? Wird die Auferstehung des Leibes heute geglaubt oder resignieren wir im furchtbaren Kreisen von Wiedergeburt und Wiedertod? Der Auferstandene schüttet uns alle Befreiung vor die Füße. „Flut um Flut drängt sich aus Dir unversieglich, für immer, Fluten von Wasser und Blut, wälzend sich über die Wüsten der Schuld, überreichlich bereichernd, jeden Empfang überbordend, jedem Begehren übergenug.“ (Balthasar)

 

Während der wunderbaren Thomas-Minute ist zu ahnen, daß Tod den Sprung ins ganz lebendige, leibhafte Selbst vorstellt. Jesu Freiheit von der irdischen Schwere ist ein großes Versprechen: vom Aufblühen auch unseres Leibes nach dem Tod.

Es geht nicht um Unsterblichkeit der Seele, es geht um Auferstehung des Leibes, meines Leibes. Es gibt kein Ende, es gibt Voll-Endung. Dank an Thomas für seinen Unglauben, der die rückhaltlose, große Antwort Jesu gefunden hat. Leib ist der Lieblingsweg der Gnade. Bis heute brennt das Herz davon.

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz


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