Sonntagsgedanken, 3. Januar 2021


Die Würde des Menschen begründet das Recht, nicht allein gelassen zu werden

Das Wort des Jahres konnte wohl jeder erraten. Corona-Pandemie! So sehr uns das Ganze wahrscheinlich zum Hals heraushängt, so sehr lässt es uns dennoch nicht los. Überfallartig ist die Pandemie im März über uns gekommen und es scheint, als lasse sie uns keine Zeit zum Nachdenken — außer vielleicht den Forschern auf der Suche nach einem Impfstoff. Doch eben wenn Menschen plötzlich und ohne große Vorbereitung reagieren müssen, zeigt sich, auf welchem Fundament sie stehen, welche Werte sie leiten. Und da entdecke ich vor allem eine große Unsicherheit — um es vorsichtig zu sagen. Was ist der Mensch eigentlich? Ist er nur eine Art Computer, den ich vom Netz trennen kann, so dass er keinen Virus bekommt? Die Pandemie beschleunigt vieles und sie legt auch gnadenlos die Lücken und Defizite offen. Das Fundament unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist die Würde des Menschen. Aber was soll das sein? Eine Floskel für Sonntagsreden und Weihnachtspredigten? Die Garantie, einzukaufen, wann ich will — oder mindestens einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren? Was meint Menschenwürde?

Verstehen Sie mich bitte recht, es geht mir nicht um Kritik an irgendwelchen Einzelmaßnahmen der Pandemie-Bekämpfung. Wer in diesen Zeiten politische Verantwortung trägt, ist nicht zu beneiden und steht unter hohem Druck — wohl mehr noch als sonst. Es geht mir um das Grundsätzliche, das in einer Gesellschaft, die so unter Druck steht, leicht aus dem Blick gerät — aber gerade deswegen umso wichtiger ist, weil sich unter Druck zeigt, wer wir sind.

Weihnachten ist eben nicht einfach das Fest der Liebe und der Familie, sondern das Fest der Menschwerdung Gottes und als solches Anlass, nach dem Menschen zu fragen, das Innehalten des Festes zu nutzen, um sich unserer Fundamente zu vergewissern. Dass Gott ein Mensch aus Fleisch und Blut geworden ist (vgl. Joh 1,14; Evangelium des ersten Weihnachtstages und des zweiten Sonntags nach Weihnachten), ein Kind im Stall von Bethlehem, eben das hat einst die Augen der Menschen geöffnet für die unbedingte Würde jedes Einzelnen — auch und gerade des Schwachen, des Kindes. In der Antike wusste man von solcher Würde nichts. Würde des Menschen bedeutet, dass in jedem Menschen etwas Großes aufleuchtet, das keine Umstände in dieser Welt zerstören können, keine Krankheit, keine Behinderung, keine Armut. Die Menschwerdung Gottes hat uns tiefer verstehen lassen, dass der Mensch Gottes Ebenbild ist, dass die Würde des Menschen letztlich der göttliche Glanz ist, der in jedem Menschen leuchtet. Gott wird Mensch, genauer ein Kind, ein Kind, das darauf angewiesen ist, dass Menschen da sind, die es versorgen und sich seiner annehmen. Der christliche Glaube sagt uns, dass Gott in sich schon Beziehung ist, dass er im Miteinander von Vater, Sohn und Geist lebt. Und deshalb begründet die Würde des Menschen auch einen Anspruch darauf, nicht allein gelassen zu werden. In diesen Zeiten ist das gewiss eine Herausforderung, aber eine, der wir uns im Großen und im Kleinen stellen müssen — gleichgültig ob es um alte Menschen oder um Schulkinder geht.

Hier sehe ich auch eine Aufgabe der Kirche, die ja oft genug in dieser Krise kritisiert worden ist, eben diese Botschaft zu bezeugen und zu begründen, sie muss aufzeigen, zu welcher Hoffnung wir berufen sind, wie es im Epheserbrief heißt (vgl. Eph 1,18; zweite Lesung des zweiten Sonntags nach Weihnachten). Die Würde des Menschen, nach unserem Grundgesetz das höchste Gut, begründet auch einen Anspruch darauf, nicht allein gelassen zu werden. In jedem Menschen ist etwas Großes, das durch die Umstände nicht zerstört werden kann — letztlich entspricht das doch der unmittelbaren Intuition, dem unaussprechlichen Gefühl, das Menschen haben. Ich weiß nicht, ob sie jemals in einem Hospiz waren, normalerweise neigen die meisten dazu dem eher auszuweichen. Ich habe dort eine Atmosphäre erlebt, die mich beeindruckt hat. Die Hinfälligkeit der Menschen, der nahe Tod, der nicht mehr bestritten werden kann, geben all dem eine Größe — manchmal eine bittere, manchmal sogar eine heitere. Hier ist die Würde des Menschen zu erleben, jene Größe, die nichts in dieser Welt zerstören kann, die manchmal auch nur in einem Lächeln besteht, das zeigt, dass man auch auf dem letzten Weg über den Dingen stehen kann. Diese Größe, diese Würde, die man in solchen Situationen erleben kann, redet den an, der ihr begegnet. Er soll gewissermaßen in einen Dialog, in ein Gespräch eintreten. Die Würde des Menschen entfaltet ihre ganze Kraft, wo sie einen Dialogpartner hat, in dessen Gesicht sie sich widerspiegeln, der für sie zum Zeugen werden kann. Warum sagen denn so viele, die andere auf dem letzten Weg begleiten, dass sie selbst bereichert werden? Weil sie zum Gesprächspartner der Würde des Menschen geworden sind, weil sie Größe und Tiefe des Menschen erlebt haben, die von äußerer Hinfälligkeit nicht geschmälert werden. Die Würde des Menschen redet uns an, will uns begegnen, ruft uns zum Gespräch und entfaltet so ihre ganze Kraft — eine Kraft für alle Teilnehmer dieses Gesprächs, für den Sterbenden ebenso wie für den, der ihn begleitet. Die Würde des Menschen ruft uns an, berührt uns, sie lebt in der Begegnung auf, im Gespräch. Deshalb begründet sie einen Anspruch, nicht allein gelassen zu werden.

Mir ist bewusst, dass dies in diesen Zeiten eine besondere Herausforderung ist und es auch keine schnellen Lösungen gibt. Aber darum geht es auch an dieser Stelle nicht. Es geht um das Grundsätzliche, das Fundament, auf dem wir stehen. Es geht darum, wer wir sind. Gerade wenn wir unter Druck und in Ungewissheit entscheiden müssen, zeigt sich am deutlichsten, wer wir sind. Rufen wir auch nicht einfach nach dem Staat, sondern handeln wir selbst. Wenn jeder in diesen Tagen in irgendeiner Weise sich einem Menschen zuwendet, der allein ist, ist schon viel getan.

Das Fest der Menschwerdung Gottes, kann — ja, ich bin überzeugt: muss uns zum Anlass werden, nach unserem Fundament zu fragen, nach den Werten, die uns leiten. Die Menschwerdung Gottes lässt uns tiefer verstehen, dass wir Gottes Ebenbilder sind, dass in jedem Menschen etwas Großes leuchtet, das keine Umstände zerstören können: der göttliche Glanz, der in allen leuchtet. Dieses Große redet uns gewissermaßen an, nimmt uns zu Zeugen, so lebt die Würde des Menschen, wird zum Gespräch, das alle stärkt. Die Würde des Menschen begründet so auch sein Recht, nicht allein gelassen zu werden. Nehmen wir diese Herausforderung doch an!

Pfr. Marc Grießer


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