Sonntagsgedanken, 21. März 2021


Gedanken  zum  5. Fastensonntag Lesejahr B

Kreuzesopfer Jesu

 

Im heutigen Evangelium (Joh 12,20-33) geht es „verschlüsselt“ um das Opfer Jesu am Kreuz. Es fällt nämlich zunächst auf, dass das Kreuzesopfer, die Hingabe des Lebens, gedeutet wird als „Verherrlichung“.
Kreuzesdarstellungen aus der Romanik zeigen den Gekreuzigten meist als König, der geradezu vor dem Kreuz thront. Nun, Jesus hatte ja von Pilatus den Spotttitel „König der Juden“ bekommen und selbst auf den Einwand der jüdischen Oberschicht, die Jesus verurteilt sehen wollte – aber eben nicht als ihren König! – antwortet der Landpfleger mit der sarkastischen und darin prophetischen Bemerkung: Quod scripsi, scripsi – Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben! (Joh 19,22: ὃ γέγραφα, γέγραφα.)

So weist der Text bei Johannes und weisen die Worte Jesu darauf hin, dass ein Opfer nicht um seiner selbst willen geschieht. Es erhält/erhellt seinen Sinn durch den Zweck, den Grund, der hier wohl eschatologisch zu nennen ist, weil es um die letzten Dinge Gottes und des Menschen geht.

In seiner Menschwerdung wird Jesus einer von uns. Gott scheint schon sehr früh „geahnt“ zu haben, dass er sich selbst ganz in diese seine Schöpfung hineingeben muss, weil diese aus sich heraus nicht die Kraft hat, sich vom Missbrauch der Freiheit zu befreien und statt zu sündigen, eine liebende Existenz zu führen. Exponent dieser „bis zur Verachtung Gottes gesteigerten Selbstliebe“ – so der Kirchenvater Augustinus[1] – ist der Mensch.

In der Menschwerdung des Sohnes drückt sich deshalb die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen aus: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“ (Joh 3,16)

Auch hier ganz deutlich: Hingabe, um eines Zieles willen: ewiges Leben eben. Jesus, der Gottessohn, ja Gott selbst, ist Mensch geworden, einer von uns und doch bleibender Garant der absoluten, nie abirrenden Freiheit Gottes. Weil er in Freiheit immer den Willen des Vater sucht und erfüllt, kann er uns erlösen, aber es kostet das größte Opfer aller Zeiten:

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz hat dazu schöne und tiefe Gedanken gesagt und zusammengetragen:

‚Das Opfer Jesu wirft sich in den Tiefpunkt des Men­schen, der die Schöpfung mit sich gerissen hat, wirft sich in das Nichts, um es zu unterfangen. Paulus nennt es die Kenosis: das Mysterium der freiwilli­gen „Vernichtung“ Gottes (Phil 2,5-11). „In ihm, in einer jeden Psychologie und Metaphysik unzugänglichen Tiefe, ist der Wille erwacht, sich selbst zu ‚vernichtigen‘ (…) So ist er hinabgestiegen. Nicht nur auf die Erde, sondern auf eine Tiefe zu, die wir nicht ermessen können; eine furchtbare Tiefe und Leere, von der wir erst dann ein Empfinden bekommen, wenn einmal wirk­lich, innerlich an uns herantritt, was die Sünde ist. Es ist die Vernichtung des Opfers, das sühnt, erlöst und neu beginnt.“[so Romano Guardini, in seinem großen Werk „Der Herr. Über Leben und Person Jesu Christi“ (1938). Freiburg 1983]

„Leben geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,44f), das „Blut des Bundes für viele vergießen“ (Mk 14,24) meint: Leben und Blut werden selbst in das Nichts hineingegeben, welches durch das willentliche Fehlverhalten des Menschen aufgerissen ist.

Wie furchtbar freilich der Verzicht des Sohnes auf seine Sohnschaft war, faßt [der Theologe Hans-Urs von] Balthasar in die leidenschaftlichen Worte: „(…) daß ich[, Jesus Christus] auch noch mei­ne Gottheit besiegte und in der Knechtsgestalt den Herrn und im Umriß der Sünde den Inhalt der Liebe offenbaren konnte. (…) So beschloß ich mich zu geben, mich aus der Hand zu geben. Wem? Gleichviel. Der Sünde, der Welt, auch allen, dem Teufel, der Kirche, dem Himmelreich, dem Vater… [ich beschloss, ]Der schlechthin Preisgegebene zu sein. Der Leib, auf dem die Geier sich ver­sammeln. Der Verzehrte, der Gegessene, Getrunkene, Verschüttete, der Hin­vergossene. Der Spielball. Der Ausgenützte. Der bis zur Hefe Ausgepreßte, bis zur Unendlichkeit Zertretene, der Überfahrene, zu Luft Verdünnte, zum Ozean Verströmte. Der Aufgelöste. (…) Gott selber war in mir erschöpft.“[Hans Urs von Balthasar, Das Herz der Welt, Zürich 1945,133]

Peccatum factum pro nobis, „er ist zur Sünde geworden für uns“, heißt das unausdenkbare Drama nach den Worten des Paulus [2 Kor 5,21], ebenso lakonisch wie entsetzlich, wie tröstlich. Das Opfer zielt auf ein admirabile commercium [einen wunderbaren Handel]: „Der Herr zahlt für die Knechte.“ Das meint Verzicht Gottes auf seine Göttlichkeit, um die Urrelation wieder zu öffnen: Mit-Sein statt Ich-Sein, das Dasein als Gabe, nicht als Habe zu leben.‘[2]

Nachdem in der Theologiegeschichte das Kreuzesopfer zunächst eher verharmlost, symbolisch oder – wie schon erwähnt – triumphalistisch gedeutet wurde, kam auch die Zeit der Kreuzesmystik.

Dahinter steht der Gedanke, dass dieses Kreuzesopfer Gottes für mich die Aufforderung, die eigentlich nicht sinnvoll abzulehnende Einladung an mich ist, zumindest geistlich diesen Platz Jesu einzunehmen, mich nicht am Kreuz vorbeizumogeln: „Die andere Seite des Kreuzes ist leer“ für dich!

Chiara Lubich, die Gründerin der Fokolarbewegung, hat diesem letzten Gedanken in einer Meditation Ausdruck verliehen, aus der die folgenden Zeilen stammen:

„Ich habe nur einen Bräutigam auf Erden, den gekreuzigten und verlassenen Jesus. Ich habe keinen anderen Gott außer ihm. In ihm ist das Paradies mit der Dreifaltigkeit und die ganze Welt mit der Menschheit. Deshalb ist, was sein ist, mein und nichts anderes. Und sein ist der universale Schmerz und dieser so auch mein.
Ich werde durch die Welt gehen und ihn suchen in jedem Augenblick meines Lebens. Was mir weh tut, ist mein. Mein ist der Schmerz, der mich im Augenblick trifft. Mein ist der Schmerz der Menschen neben mir… Mein ist alles, was nicht Friede, Freude, was nicht schön, liebenswürdig, heiter ist … kurz: all das, was nicht Paradies ist. Denn auch ich habe mein Paradies, doch es ist das Paradies im Herzen meines Bräutigams. Ein anderes kenne ich nicht.“[3]

Ein anspruchsvoller Text, der die bräutliche Liebe zu Jesus sehr ernst nimmt, aber auch schon Erfahrungen darin gesammelt hat: Franziskus umarmt einen Aussätzigen, Mutter Teresa pflegt und küsst sterbende Menschen in Indien, Missionare aller Zeiten haben sich dorthin auf den Weg gemacht, wo sie auch Leid und Tod erwarteten: ein Pater Kolbe geht für einen Familienvater in den Tod, Johannes Paul II. geht ins Gefängnis, um seinem Attentäter zu vergeben, eine Dr. Ruth Pfau aus Leipzig macht sich nach Pakistan auf den Weg, um in jahrzehntelangem Kampf die Lepra zu besiegen,…

Tausende Beispiele solch christlicher Nachfolge könnten hier genannt werden. Sie alle haben im leidenden Jesus ihren Bräutigam erkannt und geliebt. Sie haben sein Antlitz in den Gesichtern der leidenden Menschen dieser Welt entdeckt und erwählt.

Sie haben aber eben auch für sich Nachfolge als Kreuzesnachfolge und damit auch Kreuzesopfer gewählt. Viktor Frankl, der selbst das Kreuz von vier Konzentrationlagern erdulden musste, sagt einmal: „Glück ist das Nicht-Eintreten von dem, was einem erspart bleibt.“

Jesus hat sein Kreuz sehr bewusst und willentlich auf sich genommen, weil er wusste, dass er uns alle dadurch erlösen würde und ein unauslöschliches Beispiel gibt, ein unhintergehbares Exempel statuiert.

Wir dürfen von Glück sprechen, wenn uns nicht die ganze Wucht des Kreuzes trifft. Aber „gelitten muss sein“. Leben ist nun einmal auch Leiden. Es wird darauf ankommen, ob ich davor fliehen will, andere leiden lasse oder selbst Ja sage, weil mir in dem dann freiwillig gewählten Opfer letztlich Gott begegnet, der Bräutigam meiner Seele, der Sinn meines Lebens, unseres Lebens.

Das Kreuzesopfer ist der nicht verhandelbare Preis für die Auferstehung und für ewiges Leben.

Das Kreuz ist nicht die Rache Gottes nach dem Motto: Erst habt ihr versucht, mich aufs Kreuz zu legen, nun lege ich die Welt aufs Kreuz. Nein, ich glaube, Gott selbst hat diesen Kreuzesschlüssel schmerzlich suchen und akzeptieren müssen, als er entdeckte, dass wir anders nicht aus der Abgeschlossenheit unserer Egoismen und weltlichen Verklammerungen frei kommen. Er selbst ist im Kreuzesopfer seines Sohnes in Vorleistung gegangen und er hofft von Herzen, dass wir endlich und aus freien Stücken mit ihm an einem Strang und in die eine gute Richtung ziehen zum Ziel und Vollsinn unserer Bestimmung.

Ihnen allen noch eine gute Zeit auf Ostern hin! Und einen Gesegneten Sonntag!

 

Pfr. Dr. Andreas Martin

 

[1]De civitate 14,28

[2]Gerl-Falkovitz, H.-B.: Spielräume. Zwischen Natur, Kultur und Religion: der Mensch, Dresden 2020, 70f.

[3]Ch. Lubich: Alle sollen eins sein. München 1995, S. 27


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