Sonntagsgedanken, 21. Februar 2021


Gedanken zum 1. Fastensonntag Lesejahr B

 

Wüste der Angst

Wir sind es gewohnt, die knappe Schilderung des Markus auf Grund der Berichte bei Matthäus und Lukas zu lesen: Jesus wird vom Geist in die Wüste geführt, er fastet 40 Tage, wird vom Satan versucht, besteht und beginnt sein öffentliches Wirken. Soweit so gut; aber so steht es nicht bei Markus.

 Einige Unterschiede sind nach dem Wortlaut auszumachen: Zunächst ist bei Markus keine Rede davon, dass Jesus in der Wüste fastet, dann wird nur bei Markus erwähnt, dass er „bei den wilden Tieren“ lebt und Engel ihm dienen. All das hat den Exegeten Klaus Berger zu eigenständigen Überlegungen geführt, die auf den zweiten Blick durchaus einleuchten und unsere Perikope vom 1. Fastensonntag erleuchten: Markus macht in seinem Evangelium durchgängig eine Parallele auf zwischen dem Leben und Wirken des alttestamentlichen Propheten Elija und Jesus.

 Berger beschreibt die Typologie zwischen den beiden: „Jesus beruft die Jünger wie Elija. Er weckt die Tochter des Jaïrus nach dem ‚Rezept‘ des Elija, er wirkt das Speisungswunder mit den Broten wie Elischa, Schüler Elijas, er spricht mit Elija bei der Verklärung, man diskutiert, ob er selbst oder Johannes der Täufer der wiederkommende Elija ist. (…) Beide Propheten sind auf dem Weg zu einem Berg (Horeb – Berg der Verklärung, Golgota) (…) Beiden helfen Engel an der äußerlich schwächsten Stelle bei Hunger und Durst. (vgl. 1 Kön 19 …) Die Zeit in der Wüste ist für beide die Zeit der Anfechtung. (…) 40 Tage sind Elija und Jesus in der Wüste.“[1]

 Beide hatten große Angst. Elija floh vor König Ahab bzw. seiner rachsüchtigen Frau Isebel (1 Kön 19,1f.), Jesus war spätestens am Schicksal Johannes des Täufers klar geworden, was auch ihm drohte.

 An diesem Punkt sind wir im Heute angelangt: Eine Wolke der Angst hat sich seit der Corona-Pandemie über uns gelegt. Menschen laufen auf freiem Feld mit einer Maske herum, sitzen maskiert am Steuer ihres Autos, meiden – nicht nur weil es verordnet ist – ihre Mitbürger und sogar die nächsten Verwandten. Nichts von dem Gefühl, dass da ein schützender Bogen vom Himmel her über uns schwebt, von Gott gestiftet als Zeichen des neuen Lebens für die Menschen und seines Bundes mit ihnen, wie die erste Lesung heute ausführt; nicht die Erinnerung an das Wort des Petrus, dass da einer für uns gestorben ist, damit er uns „zu Gott hinführe“ – so in der zweiten Lesung.

In der Wüsten-Angst-Situation sind drei Elemente gegeben – schon bei Jesus im Markus-Evangelium:

  1. Versuchung durch Satan: Ach, Gott, der Teufel! Haben wir ihn nicht schon ad acta gelegt, zu einem kleinen Halloweenspukgespenst eingemeindet? Wenn’s ihn schon geben soll, dann gehört er zu uns, wir haben ihn als Diabolos ex Machina gebändigt. Wir lassen ihn nach unserer Pfeife tanzen! Nun, so einfach scheint es nicht zu sein: „Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft“[2], schreibt der Katechismus. Erleben wir nicht genau gerade das? Ja, Gott lässt es zu, aber damit es zum Guten führt:

Den Blick wieder aufs Wesentliche zu richten, zu besitzen als besäße man nicht, Leben als Gabe zu empfinden und jeden Tag als Geschenk zu empfangen von Gott.

  1. Jesus lebt bei den wilden Tieren: Das klingt fast ein wenig paradiesisch, endzeitlich: Natter und Kind, Löwe und Rind friedlich beieinander… (Jesaja). Wenn Jesus in eine Wüste kommt, wenn wir mit ihm in die Verlassenheiten unseres Lebens gehen, dann wird das Wolfsgesetz gebrochen, wird das Animalische am Menschen rückgebunden ins Humanum-Divinum seiner Berufung. Vor einigen Wochen sprach mich eine junge Frau an, sie würde gern einmal in der Woche Anbetung halten: „Können Sie mir als Priester diese Begegnung mit Jesus ermöglichen?!“ Ich habe es gern getan und bin nun selbst der Beschenkte.
  2. Engel dienen Jesus in der Wüste: Auch dem Elija hatte ein solcher Bote Gottes Wasser und Brot gebracht, damit er den 40-tägigen Weg zum Gottesberg meistern konnte. Auch Engel gehören wohl zu den verkannten Wesenheiten unserer Tage. Entweder sind sie verkitscht oder esoterisch aufgeladen. „Sind sie nicht alle nur dienende Geister, ausgesandt, um denen zu helfen, die das Heil erben sollen?“, fragt der Hebräerbrief (1,14). Vor einigen Jahren wurde ich zu einer Schwangeren ins Krankenhaus gerufen. Sie hatte gerade ihre beste Freundin verloren, war verzweifelt. Sie sei nicht gläubig, hatte mir die Schwester am Telefon gesagt. Ich hörte zu und betete: Gott schenke mir einen Zugang zu ihr! Und dann fiel das Stichwort: Sie und die Freundin hatten Engel geliebt und gesammelt, ein gemeinsames Hobby, eine Marotte, vielleicht? Aber hier war der Zugang. Über die wunderbare Engel-Geschichte von Lew Tolstoi „Wovon die Menschen leben“[3] konnte ich der Frau Trost zusprechen. Gott schickt sie immer, seine Engel, schauen wir hin!

Es ist immer der eine Berg zu dem wir alle unterwegs sind: Horeb – Berg der Verklärung – Golgota – Himmelfahrtsberg… Davor liegt die Wüste, aber sie ist Gottes voll!

Gesegneten Sonntag!

Pfr. Dr. Andreas Martin

[1]Berger, K.: Kommentar zum Neuen Testament, Gütersloh 2011, 136ff. (biblische Namen wurden vom Autor der biblischen Schreibung der EÜ angepasst)

[2]Katechismus der katholischen Kirche, Oldenburg 1993, Nr. 395

[3]https://de.wikipedia.org/wiki/Wovon_die_Menschen_leben


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