Sonntagsgedanken, 17. Januar 2021


Gedanken  zum  2. Sonntag im Jahreskreis Lesejahr B

Berufung

Mein Evangelium! Ja, wirklich. Wenn dieses Evangelium von der Berufung der ersten Jünger kommt, fühle ich mich immer neu angesprochen. Schließlich hieß der erste Jünger Andreas und mein zweiter Vorname ist Peter. Was will man mehr.

            Ja, aber das zweite, was ein Priester dann spürt, ist, wieviel er da wohl zurücksteht und klein aussieht vor diesen „Giganten“. Aber waren sie das wirklich, Giganten? Heinrich E. Bues, Dozent für Evangelisation und missionarische Spiritualität an der Päpstlichen Hochschule Bendedikt XVI. Heiligenkreuz, hat ein sehr lesenswertes Buch dazu geschrieben: „Der Aposteleffekt“[1].

            Bues macht aus gewissermaßen „unternehmerischer Sicht“ deutlich, dass die Apostel alles andere waren als die großen Macher und hochqualifizierten Kräfte für ein Topmanagement zur Verbreitung der Evangeliums. Sie gingen eher erst bei Jesus in die Ausbildung; trotzdem: „Wer immer mit einer neuen Geschäftsidee die Welt erobern will, wird von den Erfahrungen und der Mentalität dieser Männer, ihrer Leidenschaft und ihrer Leidensbereitschaft eine Menge lernen und neue Impulse erhalten können.[2]“, schätzt Bues ein. Sie, die vom Herrn Berufenen, verkörpern wie als erste unter ihnen die Gottesmutter, was heute eben als Corporate Identity gepriesen wird[3].

            Aber zurück zu Andreas. In den 80iger Jahren fuhr ich als „Missionar“ öfter nach Russland, d.h. damals noch in die Sowjetunion. Wir von der Fokolarbewegung hatten dorthin Kontakte geknüpft vor allem zu orthodoxen Christen, und diese Verbindungen galt es zu pflegen und auszubauen. Ein großes Geschenk und Ereignis auf einer dieser Reisen war das Zusammentreffen mit Mutter Teresa in der einzig verbliebenen katholischen Kirche „St. Ludwig“ in Moskau.

            Nun, die orthodoxe Kirche verehrt den Apostel Andreas in besonderer Weise als den Pjerwoswánny[4], den Erstberufenen und als Patron Russlands. Er hat nach der Tradition auch den Glauben in die Kiewer Rus gebracht und – wie wir im Evangelium dieses Sonntags hören – seinen Bruder Simon zu Jesus geführt, der ihn stante pede zu Petrus, dem Felsenmann, macht. Der Andreasorden ist die höchste Auszeichnung in Russland – weltlich wie kirchlich.

            Bues handelt von Andreas im Kapitel „Wie ‚fischt‘ man erfolgreich Menschen?“ Ich glaube, viele meiner Mitbrüder hätten bei einer solchen Überschrift schon das erste Bauchgrimmen. Darf man heute überhaupt noch „Menschen fischen“? Wird das Wort Mission – außer in päpstlichen Verlautbarungen – nicht tunlichst vermieden. Missbrauch, Missbrauch! Alles, was Freiheit auch nur ansatzweise einzuschränken drohen könnte, muss vermieden werden! Wirklich?

            Nehmen wir den Herrn denn gar nicht mehr ernst? Oder liegt das Problem nicht ganz woanders? In einer eigenen Identitätskrise? Wie soll ich von einer Botschaft sprechen, eine Lehre verkünden, von der ich selbst nicht mehr so ganz überzeugt bin, für die ich selbst nicht mehr wirklich brenne? Ich werde andere nur dann rufen, wenn ich meine eigene Berufung als das größte Geschenk empfinde, das Gott mir gemacht hat.

            Es geht um ein „Alleinstellungsmerkmal“, nur so – meint Hinrich E. Bues – könne überhaupt noch für den christlichen Glauben geworben werden: „Das Alleinstellungsmerkmal des Christentums, das übernatürliche Wirken Gottes, die Befreiung von Sünde und Tod des Menschen, der Glaube an die Auferstehung Christi wird nicht mehr oder nur sehr selten bekannt gemacht. So wenden sich die Menschen esoterischen und okkulten Angeboten, anderen Religionen oder skurrilen Sekten zu.“[5]

            Wir haben gerade die Taufe Jesu gefeiert. Hoffentlich dabei auch neu und dankbar unserer Taufe gedacht. Ein Freund, mit dem zusammen ich in einer Gruppe für Berufungspastoral in unserem Bistum arbeite, erzählte, wie er eine Gruppe in Israel begleitete. Sie kamen an den Jordan, wo Johannes getauft hatte. Es waren 41 Grad und gerade wurde ein offensichtlich ostkirchliches Paar im Wasser des Flusses getauft. Da meldete sich ein Mann aus der Gruppe mit dem Wunsch, ebenfalls in das Bad hinabzusteigen, um seine eigene Taufe zu erneuern. Daraufhin äußerten noch weitere sechs Personen diesen Wunsch. Man kaufte weiße Gewänder im dortigen Shop und der feierliche Akt wurde vollzogen. „Es war unglaublich, was mit diesen Menschen geschehen war“, berichtet der Freund: „Ihre Gesichter leuchteten, die meisten waren für den Rest des Tages so gesammelt, dass sie kaum ein Wort sprachen. Die ganze Gruppe hatte ein großes Geschenk empfangen. Und der Mann, der Initiator dieser Aktion, ist schon ein Jahr später an einer schweren Krankheit jung verstorben.“

            „Kommt und seht“, sagt Jesus zu den Erstberufenen und er sagt es auch neu zu uns. Wir haben eine Initiative in unserer Diözese gestartet, die fast genauso heißt: „Komm und sieh“. Sie meint aber eben dies an junge Menschen gerichtet. Kommt zu einem gemeinsamen Tag, den einige Priester und eine geweihte Jungfrau ausrichten, der immer in einem Zentrum geistlichen Lebens stattfindet und an dem vor allem Austausch über das Leben mit Gott, Gebet und Anbetung geschieht. Und sie kommen. Und sie lassen sich berufen.

            Der kommende Sonntag sollte uns Anlass sein, neu innerlich in das Bad der Taufe hinabzusteigen und anschließend Herz und Mund aufzutun und missionarisch zu rufen: „Kommt und seht!“

Pfr. Dr. Andreas Martin

 

[1]Bues, Heinrich E.: Der Aposteleffekt. Fe-Medien, Kisslegg 2016

[2]Ebd. 9

[3]Ebd. 10

[4]Eine nur annähernde, das Lautbild und die Betonung zeigende Umschrift des russischen Первозванный.

[5]Ebd 136


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