Sonntagsgedanken, 16. Januar 2022


Gedanken zum 2. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr C

 

Ein Vorgeschmack

 

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freunde von Mooshausen,

In einem Artikel von 1994 schreibt Joseph Ratzinger: „Liturgie ist antizipierte Parusie, ist das Hereintreten des ‚schon‘ in unser ‚noch nicht‘, wie es Johannes in der Erzählung von der Hochzeit zu Kana dargestellt hat: Die Stunde des Herrn ist noch nicht da, noch ist nicht alles erfüllt, was geschehen muß; aber auf die Bitte Marias – der Kirche – hin gibt er doch schon jetzt den neuen Wein, schenkt jetzt im voraus schon die Gabe seiner Stunde.“[1]

Johannes nennt in seinem Evangelium die Wunder Zeichen, wir könnten sagen Symbole. Sie geschehen in Zeit und Raum, in einem bestimmten sozialen Umfeld, aber sie deuten über sich hinaus. Natürlich ist dem jungen Paar sehr geholfen. Denn den Gästen keinen Wein mehr vorsetzen zu können, das wäre unverzeihlich gewesen. Der Wein hatte auch damals schon eine symbolische Bedeutung. Er war Zeichen der Freude, aber auch Zeichen für die Verheißung eines kommenden Messias’.

Wunderbar wird das Dilemma und die Größe des Wunders in einem der Filme aus der neuen Jesus-Staffel „The Chosen“ geschildert.[2]

Ja, es ist Vorwegnahme – in diesem Falle wohl besser: Vorgeschmack – der Erlösungs- und Heilstat Jesu. Alle seine Zeichen weisen darauf hin: „Ich werde mein Leben geben für diese Welt, ich werde durch Tod und Auferstehung das große Hochzeitsmahl des Himmels ermöglichen. Ihr aber seid heute schon eingeladen!“

Wir haben unser Leben als Vorbereitung auf dieses Fest geschenkt bekommen und wir haben z. B. in der Liturgie der Kirche einen Vorgeschmack darauf. So sollten wir sie feiern, so uns festlich in ihr bewegen und unsere Herzen auf Gott ausrichten.

Als das II. Vatikanum die Liturgiereform anstieß, hatte kaum einer geahnt, dass ein Auflösungsprozess einsetzen würde. Auch das neue Messbuche hatte Rubriken, die kleinen rot geschriebenen Anweisungen, was der Priester am Altar zu machen und zu sagen hatte, was laut, was leise zu beten war und was das Volk Gottes zu antworten hatte. Nur so hätte das Mysterium bewahrt werden können, das heute wieder viele in der „Alten Messe“ suchen und zu finden scheinen.

Die neue Liturgie wurde mehr und mehr verstümmelt. Messtexte willkürlich geändert, dies und das noch in den Gottesdienst hineingepackt (die Leute kommen ja, wenn überhaupt nur sonntags und da muss es doch auch „fetzen“, zumindest aber ein wenig Eventcharakter haben, was wir machen). Doch damit schwand auch der „Geist der Liturgie“ (Romano Guardini).

Zeichen kann ich nicht willkürlich verändern. Liturgie ist nur als Liturgie der Kirche Vorgeschmack der Herrlichkeit.

Für mich als Priester ist jede heilige Messe eine Herausforderung. Das In-persona-Christi-capitis ist die ständige Herausforderung, mein Leben zu heiligen, den lebendigen Herrn der Gemeinde zu verkünden und alle einzuladen, ihm zu begegnen, eine personale Christusbeziehung zu suchen und zu pflegen.

Dazu halte ich mich an die Rubriken, nicht krampfhaft und steif, aber in Treue zu den Vorgaben der Kirche. Ich feiere die Liturgie freudig und voll Dankbarkeit und ich denke, das dies auch von der Gemeinde so aufgenommen und gespiegelt wird.

Der Wein gehört in einen Krug, in eine bestimmte Form, aber der Wein ist das Eigentliche. Amen.

Pfr. Dr. Andreas Martin

Caritasrektor des DiCV Dresden-Meißen

 

P.S. Clemens Pilar    https://www.youtube.com/watch?v=EsDXj4CchTc (sehr lohnend!)

 

[1]Ratzinger, J.: In der Spannung zwischen Regensburger Tradition und nachkonziliarer Reform, in: Musica Sacra 1994/05, 379-389

[2]Die erste Staffel ist inzwischen auf DVD in deutscher Sprache verfügbar. Weitere Episoden z. Z. noch mit deutschen Untertiteln über die entsprechende App.


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