Sonntagsgedanken, 05. Dezember 2021 - 2. Advent


Sonntagsgedanken zum 2. Advent 2021

„Da…!“

Glauben sie eigentlich daran, dass es in unserer Welt wirklich einmal besser, friedlicher und menschlicher zugehen könnte als jetzt? Dass wir den dramatischen Klimawandel im Interesse unserer Kinder und Enkel noch abmildern können? Glauben Sie daran, dass die Lukaschenkos, Putins und Erdogans dieser Welt aufhören, Frauen und Kinder an ihren Grenzen als Geiseln ihrer politischen Interessen zu missbrauchen, mit Bomben und Raketen syrische oder ukrainische Städte zu zerstören oder Journalisten ohne Grund und Anklage ins Gefängnis zu werfen? Halten Sie es für möglich, dass unsere von sog. „sozialen Medien“ angeheizte und dauerempörte Gesellschaft wieder konstruktiv über komplizierte Fragen streitet? Dass wir über Corona auf der Basis unstreitiger Tatsachen diskutieren, weil kein ernst zu nehmender Mensch mehr behauptet, mit der Impfung werde uns ein Chip eingepflanzt, der uns unfruchtbar und zum willfährigen Objekt dunkler Mächte macht? Oder glauben Sie, dass sich unsere Kirche auf der Basis des Evangeliums erneuern wird und nicht durch Grabenkämpfe um Machterhalt und Machtgewinn? Wer beantwortet diese Fragen nicht, wie ich, gelegentlich mit „Nein“? Aber was könnte uns Hoffnung geben, dass es vielleicht doch anders kommt, wenigstens ein wenig, dass wir z.B. den Klimawandel auf ein erträgliches Maß begrenzen?

„Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes.“ Nicht als ein „mythisches Irgendwann“ (Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.), dass immer oder auch nie bedeuten kann, sondern „da“. In einem konkreten zeitlichen und örtlichen Kontext wurde der Heilswille Gottes sichtbar, einmalig, wirklich, konkret. Und was kennzeichnete die geschichtliche Situation, in der das Wort Gottes an Johannes erging? Lukas kam es hierauf offensichtlich an, denn er beschrieb sie im Detail. Kaiser Tiberius regierte schon seit fünfzehn Jahren, ein Herrscher, der die Juden aus Rom vertrieb und göttliche Ehren für sich beanspruchte. Stadthalter von Judäa war Pontius Pilatus, der Jesus zum Tod verurteilen sollte und sich durch rücksichtslose Brutalität, Willkür und Opportunismus vierzehn Jahre lang an der Macht halten konnte. Herodes Antipas, Tetrach von Galiläa, ein unbedeutender Provinzstatthalter, der Johannes den Täufer hinrichten ließ, Philippus und Lysanias, Personen, die längst im Dunkel der Geschichte verschwunden wären, würden sie hier von Lukas nicht erwähnt und schließlich Hannas und Kajaphas. Obwohl es stets nur einen Hohepriester gab, nennt Lukas nicht nur letzteren, sondern auch die „graue Eminenz“ im Hintergrund, Hannas, der fünf seiner Söhne und seinem Schwiegersohn Kajaphas die Hohepriesterwürde verschaffte. Er verschacherte das Heiligtum, um die politische Macht seiner Familie zu sichern. Andere Zeiten, bessere Zeiten? Gewalt, Machtstreben, über Leichen gehen, die bedingungslose Durchsetzung eigener Interessen, Korruption damals und heute.

Aber es begann genau zu jener Zeit eben auch das größte und schönste Kapitel der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk, angekündigt durch den Propheten Jesaja, der sah, dass das Krumme irgendwann gerade und der Mensch das Heil Gottes sehen wird. Am Anfang stand der Auftrag an Johannes in der Wüste, am Ende der Tod und die Auferstehung des Herrn, der uns das Leben schenkt.

Die Geschichte Gottes mit uns Menschen findet in unserer Geschichte statt. Damals und heute. Der Ernst des Advents besteht darin, in unsere Wüsten zu gehen, um die Stimme der auch heute noch rufenden Propheten zu hören, die Stimmen, die uns zur Umkehr und zum Bekenntnis unserer Schuld rufen und selbst Kündende dieser Botschaft zu werden. Eine solche Johannesgestalt war P. Alfred Delp SJ. Von den Nationalsozialisten verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet, schreibt er im Advent 1944 aus dem Gefängnis Betrachtungen, die die Wüste, aber auch den Geist der Hoffnung und Verheißung ins Wort bringen. „Der Advent“, notiert Delp, „ist einmal eine Zeit der Erschütterung, in der der Mensch wach werden soll zu sich selbst“. Aber er ist zugleich viel mehr: „Er zündet das innere Licht in den Herzen an, daß der Advent gesegnet ist mit den Verheißungen des Herrn.“ „Die Welt ist mehr (…) als die Summe ihrer grauen Tage. Die goldenen Fäden der echten Wirklichkeit schlagen schon überall durch“. „Noch erfüllt der Lärm der Verwüstung und Vernichtung (…) den Raum, aber die „kommende, strahlende Fülle“ kündigt sich schon an. „Es geschieht. Dies ist heute.“

 

Dr. Michael Pope, Diakon

 

(Die Zitate sind entnommen und zur adventlichen Lektüre sehr empfohlen: Alfred Delp, Im Angesicht des Todes)


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