SINGT DEM HERRN EIN LIED, 28. November 2021


Liedbetrachtung zum 1. Adventssonntag, 28. November 2021

WACHET AUF, RUFT UNS DIE STIMME

Im Mittelpunkt der sonntäglichen Liturgie steht das Evangelium. Der Botschaft Jesu In jener Zeit widmet sich in der Regel die Predigt, indem sie diese in unsere Zeit und unser Leben hineinholt. Hinzu kommt die Betrachtung der Lesungen aus den beiden Testamenten mit dem Zuspruch auch in unsere Gegenwart. In allem steckt ein großer Reichtum für alle Teilnehmer am Gottesdienst, aus dem jeder auf seine Weise und seinen Alltag Kraft für die Woche gewinnt.

Der Apostel Paulus schrieb in seinem Brief an die Gemeinde in Ephesus (5,19): Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder erklingen, singt und jubelt aus vollem Herzen dem Herrn! Dieselbe Empfehlung spricht er auch für die Kolosser (3,16) aus: Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen!

Unsere Liedbetrachtungen beginnen wir mit dem Lied Wachet auf, ruft uns die Stimme, ein Lieblingslied von Vielen, zu finden GL 554 und EG 147.

 

1 Wachet auf“, ruft uns die Stimme

der Wächter sehr hoch auf der Zinne:

„Wach auf, du Stadt Jerusalem.“

Mitternacht heißt diese Stunde“;

sie rufen uns mit hellem Munde:

„Wo seid ihr klugen Jungfrauen?

Wohlauf, der Bräutgam kommt:

steht auf die Lampen nehmt. Halleluja.

Macht euch bereit zu der Hochzeit,

ihr müsset ihm entgegengehn.“

 

2 Sion hört die Wächter singen;

das Herz tut ihr vor Freude springen,

sie wachet und steht eilend auf.

Ihr Freund kommt vom Himmel prächtig,

von Gnaden stark, von Wahrheit mächtig;

ihr Licht wird hell, ihr Stern geht auf.

„Nun komm, du werte Kron,

Herr Jesu Gottes Sohn. Hosianna.

Wir folgen all zum Freudensaal

und halten mit das Abendmahl.

 

3 Gloria sei dir gesungen

mit Menschen und mit Engelzungen

mit Harfen und mit Zimbeln schön.

Von zwölf Perlen sind die Tore

an deiner Stadt;

wir stehn im Chore

der Engel hoch um deinen Thron.

Kein Aug hat je gespürt,

kein Ohr hat mehr gehört solche Freude.

Des jauchzen wir und singen dir

das Halleluja für und für.

 

Wie kaum ein anderes – möglicherweise das Stabat Mater (Christi Mutter stand mit Schmerzen) –  wurde dieses Lied von bedeutenden Musikern in Kompositionen umgesetzt, die wir auf CDs, Schallplatten und natürlich im Internet hören können. Text und Melodie stammen von Pfarrer Philipp Nicolai (1556-1608), der mit großer Vehemenz die Lehre Luthers gegen die Reformierten in der Nachfolge Calvins und auch gegen die Katholiken kämpfte. 1597 war er Pfarrer in Unna (Westfalen), als dort die verheerende Pest ausbrach und die Menschen hinwegraffte. Auch der Tod zweier seiner Schwestern in demselben Jahr bedrückt ihn. In seinem 1599 erschienenen Buch schrieb er: „In solchem Jammer und Elend, (als es hier zu Unna in allen Gassen rumorte und oftmals etliche Tage aneinander oder zwanzig nun vier/sieben acht oder neun und zwanzig und bis in die dreißig Toten nicht weit von meiner Wohnung auf dem Kirchhof unter die Erde verscharrt wurden), hab ich mit Todesgedanken mich immer schlagen müssen und war mir nicht einmal zumute wie dem König Hiskia, da er sprach: Nun muß ich nicht mehr den Herrn sehen, ja des Herren Land der Lebendigen. Meine Zeit ist dahin, von mir aufgeräumet wie eines Hirten Hütte und reiße mein Leben ab wie ein Weber. (Jes 38)

Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüten die Stadt wie ein Platzregen und Ungewitter, ließ bald kein Haus unbeschädigt, brach endlich auch zu meiner Wohnung hinein und gingen die Leute meistens teils mit verzagtem Gemüt und erschrockenen Herzen wie erstarret und halbtot daher.“

Philipp Nicolai suchte Hilfe und Trost für sich und seine Gemeinde. Er studierte in den Heiligen Schriften, er beschäftigte sich mit den Betrachtungen des hl. Augustinus. Er richtet seinen Blick auf die verheißene Ewigkeit. Und das Besondere an dem wortstarken Geistlichen: In drei Strophen entstand ein Gedicht zu Aufbruch und Ankommen, das viele Schriftstellen in beeindruckender Weise zusammenfasst. Die Bezüge wird der Leser leicht erkennen, es sind Jesaja 52,8 / Matthäus 25,1-13 / Hoheslied 5,2-5/ Psalm 50,2 / Offenbarung ,9-11 / Offenbarung 21,21 / Korinther 2,9.

Alle drei der auch in der Eucharistiefeier zu hörenden Jubelrufe kommen ebenfalls zur Sprache: Hosianna / Gloria / Halleluja.

Bemerkenswert die Dynamik der gebrauchten Verben: aufwachen – rufen – kommen –  sich aufmachen – entgegengehen – hören – vor Freude springen – eilend aufstehen – aufgehendes Licht – folgen – singen – spüren – stehn (angekommen sein) – jauchzen und singen.

Auch die Melodie stammt von Philipp Nicolai. So hatte das Lied schon früh seinen Platz in den evangelischen Gesangbüchern. Die schlichte Melodie wurde von Komponisten und Interpreten mit Blick auf den Text in kunstvoller Weise übernommen. Genannt seien: Buxtehude / Praetorius / J.S. Bach / J.Chr. F. Bach / Reger / Distler.

Natürlich war auch den Katholiken das Lied schon lange bekannt, besonders durch die Chormusik. In ein katholisches Gesangbuch wurde es erstmals in das von der Jugend- und Liturgiebewegung geprägte, 1938 herausgegebene Kirchenlied, eine wichtige Station auf dem Weg zum späteren GOTTESLOB, aufgenommen. Dann schaffte es den Sprung in diözesane Gesangbücher und mit einem „ö“ versehen in das GOTTESLOB.

Das fast 425 Jahre alte Lied singen wir am diesjährigen 1. Adventssonntag, dem Beginn eines neuen Kirchenjahres. Die Entstehung des Liedes geht zurück auf die Pest-Pandemie am Ende des 16. Jahrhunderts. Für den 42jährigen Pfarrer Nicolai war es die dritte von ihm erlebte Pestseuche. Welche medizinischen Hilfen hatten die geplagten Menschen? Keine! Städte und Dörfer entvölkerten sich.

Gegenwärtig leben wir auch in einer beängstigen Pandemie. Welche medizinischen Hilfen haben wir? Zahlreiche und in einer Form, die man damals noch nicht kannte. Der medizinische Fortschritt erlaubt heute, durch Impfungen Seuchen weitgehend einzudämmen und die Menschen vor Erkrankungen und vorzeitigem Tod zu schützen. Törichte und egoistische Freiheitsvorstellungen schränken die Möglichkeit ein, allen Menschen die ihnen zustehende Freiheit zu vermitteln.

So ist der Schluss des Evangeliums (Lk 21,36) des heutigen Sonntags als sehr ernster Weckruf auch in unsere Zeit zu verstehen:

Wachet und betet allezeit,
damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen könnt
und vor den Menschsohn hintreten könnt.

 

 

Elisabeth Pregardier, Oberhausen

 


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