Wort zum Sonntag, 10. Mai 2020


Schweigen und Einfachheit: Ein Wort zu Maria

Dieses ‚Wort zum Sonntag‘ soll ein ‚Wort zum Monat Mai‘ werden. Und da der Mai nicht nur ein ‚Wonnemonat‘ ist, dessen Frühlingsdüfte uns selbst in diesen Corona-Zeiten wieder aufleben lassen können, sondern von uns Katholiken zugleich als ‚Marienmonat‘ gefeiert wird, wird diese Betrachtung heue unwillkürlich zu einem ‚Wort zu Maria‘.

Die Menschen aus dem Pfarrhaus in Mooshausen haben sie von früh an besonders wertgeschätzt: Josef Weiger gab schon 1924 ein „Liturgisches Marienbuch“ heraus. 1936 schrieb er sein weit verbreitetes Buch „Mutter des neuen und ewigen Bundes“ (neu gedruckt 2011). 1943 verfasste er für die Diözese Rottenburg das bis heute gebräuchliche Weihegebet an Maria (im Rottenburg/Freiburger Eigenteil des Gotteslob Nr. 933). 1954 folgte ein weiteres Buch mit dem schlichten Titel „Maria von Nazaret“. Und wer denkt nicht an die vielen Mariendarstellungen von Maria Elisabeth Stapp, die in der Gottesmutter ebenso ihre Namenspatronin verehrte wie die früh verstorbene Maria Knoepfler. Romano Guardini wiederum suchte mitten in der Kriegszeit auch die Intellektuellen für den „Rosenkranz Unserer Lieben Frau“ (1940) zu gewinnen und schrieb außerdem 1955 nach intensiven Gesprächen mit Josef Weiger, „dem geistigen Weggenossen durch ein halbes Jahrhundert“ (so die Widmung), selbst den Entwurf zu einem Marienleben nieder: „Die Mutter des Herrn. Ein Brief und ein Entwurf darin“.

Was hat es auf sich mit der Gestalt dieser „unserer lieben Frau“ und warum bleibt sie auch für Vordenkerinnen und Vordenker eines weltoffenen Katholizismus im 20. und 21. Jahrhundert überhaupt relevant?

Ich meine dem Motiv auf die Spur gekommen zu sein, als ich wieder einmal das inzwischen fast völlig vergessene Büchlein „Der geistliche Mai“ durchblätterte, das Josef Weiger im Jahr 1952 „in Verbindung mit Romano Guardini und Felix Messerschmid“ im Würzburger Werkbund-Verlag herausgab. „Andachten für den Gebrauch der Gemeinde und des Einzelnen“ (Untertitel) sollen es sein – für jeden einzelnen Tag des Monats Mai, immer gleich strukturiert, mit einer kurzen Betrachtung über einen Teilaspekt des Marienlebens, einem Wechselgebet, einer Litanei, entsprechenden Liedern und einem Segensgebet. Und – nicht zu vergessen – mit einer ausdrücklich ausgesparten Zeit des Schweigens.

Josef Weiger weist vorab ausdrücklich auf den Sinn dieses Schweigens hin: Es solle „auch wirklich eingehalten“ werden. Der schwäbische Dorfpfarrer kennt die Neigung seiner Landsleute, jede eintretende Stille so schnell wie möglich zu überspringen oder mit Aktivitäten auszufüllen, und fügt wohl deshalb etwas verschmitzt, aber sehr ernsthaft hinzu: „Die Lesungen sind so kurz, dass es keinen zu großen Aufenthalt bedeutet, wenn nachher die Gläubigen das Gehörte einige Minuten lang ‚im Herzen erwägen‘“.

Mit dieser Formulierung ist er schon mitten im Marienleben, denn der Evangelist Lukas sagt ausdrücklich, dass die Mutter Jesu „alle diese Worte bewahrte“ und „in ihrem Herzen erwog“ (vgl. Lk 2,19; ähnlich 2,51). So bedeutet es ein zutiefst ‚marianisches‘ Beten, wenn das Schweigen darin einen bedeutenden Stellenwert erhält. Denn, so Weiger weiter, es setze sich (in seiner Zeit) langsam die Einsicht durch,

„dass wir bisher die Bedeutung des religiösen Schweigens verkannt haben. Schweigen ist eine wesentliche Haltung, in welcher der Mensch innerlich vor Gott gelangt, vor Sein Angesicht, in Seine heilige Nähe. Nur wenn das religiöse Schweigen geübt wird, kann das religiöse Wort richtig gesprochen werden.“

[Der geistliche Mai, S. 5].

Ist es also bereits die Einübung in eine Haltung des Schweigens, die uns die Gestalt Mariens nahe bringt – so führt Josef Weiger (in Kooperation mit seinem theologischen und seinem kirchenmusikalischen Freund) bereits am ersten Mai noch zu einer anderen, aber durchaus verwandten marianischen Haltung.

Die für diesen Tag vorgesehene Betrachtung ist überschrieben mit „An der Quelle“ und richtet den Blick besonders auf die Eltern Marias, die der Tradition gemäß „Anna“ und „Joachim“ genannt werden. Gerade diese alttestamentlich vorgeprägten Namen weisen nach ihm darauf hin, dass die Herkunft der Gottesmutter in ein wartendes Schweigen eingehüllt wird – und in eine große Einfachheit und Schlichtheit, die gerade für Menschen außerhalb des Rampenlichts von Politik, Medien und Kirche schon immer besonders anziehend gewirkt hat.

Vielleicht inspirieren die einleitenden Worte dieser Betrachtung daher auch uns:

„Wir wollen in den Tagen des Maimonats das Leben der Mutter unseres Herrn betrachten, und die Heilige Schrift soll auf diesem Wege unsere Führerin sein. Sie soll uns sagen, was ‚der Herr Großes getan an seiner demütigen Magd‘. Sie soll uns verstehen lehren, wie ihr Leben auf Auserwählung und Glauben ruht.

Alle Heiligkeit erwächst aus diesem Grund. Und nicht bloß in Jenen, die wir ausdrücklich als Heilige verehren, sondern in jedem Menschen, ob er bekannt ist oder nicht. An Maria von Nazareth aber hat uns Gottes Geist diese Wahrheit groß und schön geoffenbart, denn es hat Ihm gefallen, in ihr die Heiligkeit mit der Einfachheit zu verbinden.“

[Der geistliche Mai, S. 9]

Die Heiligkeit „mit der Einfachheit verbinden“ – diese an Maria abgelesene Haltung ist für einen Josef Weiger, der sicher der Hauptverfasser dieser Andachten war, ein Leben lang bestimmend gewesen. ‚Einfachheit‘ und ‚Schweigen‘ – das sind vielleicht aber auch Haltungen, die wir gerade in diesen merkwürdigen Wochen und Monaten neu für uns entdecken könnten.

Brauchen wir tatsächlich alles, was wir bisher für so wichtig hielten? Ist nicht auch in der Kirche manches zu überladen und überfrachtet? Sollten wir unseren Glauben nicht wieder in der Einfachheit leben, aus der Maria kam?

Und wenn eine Zeitlang ein großer Teil der Geräusche verstummt und die Worte behutsamer gesetzt werden – sollten wir dann nicht auch die Chance ergreifen und neu das Schweigen lernen – ein Schweigen, in dem die wirklich entscheidenden Worte Raum gewinnen können?

Wenn das gelingen würde, könnte aus diesem Monat vielleicht tatsächlich ein „geistlicher Mai“ werden.

Alfons Knoll


Eine Liste aller „Sonntagsgedanken 2020“ finden Sie » hier.


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