Sonntagsgedanken, 28. Juni 2020


Sonntagsgedanken zum 13. Sonntag im Jahreskreis (28. Juni 2020)

Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass einer dem anderen Rast gebe auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause. (Romano Guardini)

In der alttestamentlichen Lesung zum heutigen Sonntag aus dem zweiten Buch der Könige wird uns von einer vornehmen Frau aus Schunem erzählt, der es sehr wichtig war, den Propheten Elischa zum Essen einzuladen. Sooft Elischa in der Folge nach Schunem kam, war er bei dieser Frau und ihrem Mann zu Gast – erst nur am Tisch, später dann richteten sie ihm einen eigenen Raum her, in den er sich zurückziehen konnte. Sie ließen ihm all ihre Gastfreundschaft zuteilwerden, und Elischa wiederum war es gerade deshalb wichtig, dieser Frau etwas zurückzugeben.
Gastfreundschaft ist auch eine der Besonderheiten, die das alte Pfarrhaus von Mooshausen während der Amtszeit von Pfarrer Josef Weiger ausgezeichnet hat. Bis heute wird dort auf dieses Merkmal, auf diesen geradezu biblischen Auftrag wert gelegt. Die Gäste, die den Weg in das beschauliche Dörfchen an der Iller finden, zu bewirten, ist mit eine der schönsten Aufgaben im Rahmen meines Ehrenamtes im heutigen Freundeskreis. Es bedeutet mir viel, in dieser Tradition zu stehen.
In diesem besonderen Jahr allerdings wurde Gastfreundschaft allerorts auf Eis gelegt. Nicht nur in Mooshausen, wo Veranstaltungen vor allem aufgrund der Vorgaben in den gesetzlichen Verordnungen ausgesetzt werden müssen. Auch im privaten Bereich war es lange Zeit nicht möglich, sich gegenseitig einzuladen, sich zu bewirten, einander Gastgeber und Gast zu sein, auch nicht am Tisch des Herrn. Das war und ist sehr schmerzlich.
Ich möchte heute aber fragen: Wie steht es grundsätzlich mit der Gastfreundschaft?
In jedem Land und in jeder Kultur wird Gastfreundschaft unterschiedlich gelebt. Sie ist weltweit nachweisbar und macht sie somit zu einer interkulturellen Brücke. Gastfreundschaft ist ein Vertrauensvorschuss. Sie basiert auf Gegenseitigkeit. Sie ist so etwas wie ein Kredit: Hilfst du mir, helfe ich dir.
Die Einladung zum Essen oder das Bett für eine Nacht sind Zeichen hoher Gastfreundschaft. Dabei geht es nicht nur um Gesten der Höflichkeit. Es geht um eine Herzlichkeit, die nicht auf Vorteile oder Gewinn abzielt. Gastfreundschaft ist ein Zeichen aus freien Stücken, das aus dem tiefsten Inneren kommt und keineswegs selbstverständlich ist.
Willkommenskultur ist nicht ein Schlagwort, das 2015 anlässlich der Flüchtlingsströme von den Medien erfunden wurde. Willkommenskultur ist ein uraltes Kulturgut der Menschheit und somit in praktisch allen Religionen und Kulturen enthalten. Gäste sind eine Ehre und verdienen eine entsprechend wertschätzende Behandlung. Den Deutschen wird nachgesagt, dass Gastfreundschaft nicht zu ihren Stärken gehöre. Trotzdem erinnern wir uns alle an diese, ebenfalls aus dem Jahr 2015 stammenden Bilder: Hunderttausende Flüchtlinge suchen Schutz in Deutschland und erhoffen sich hier eine bessere Zukunft. An den Bahnhöfen werden sie mit Herzlich-Willkommen-Schildern begrüßt.
„Fühl dich wie zu Hause.“ Diesen Satz haben wir alle schon gehört oder gesagt. Aber wie ernst ist es uns damit? Die Bedeutung ist kulturell unterschiedlich und deshalb ein interessanter Indikator der Definition von Gastfreundschaft. In manchen Kulturen ist der Satz gleichbedeutend mit „du gehörst zur Familie“. In Deutschland lässt sich der Satz etwa mit „wir freuen uns, dass du hier bist“ übersetzen. Wie zu Hause in den Schränken wühlen oder sich gar selbst bedienen – das ist hier definitiv nicht gemeint. Die Bedeutung wird deshalb nur selten so gelebt, dass sich der Gast tatsächlich wie zu Hause verhalten wird. Schon allein die Höflichkeit und der Respekt gegenüber dem Gastgeber verbieten das. Ein „Fühl dich wie Zuhause“ ist deshalb so etwas wie ein Idealbild. Der Satz drückt aus, wir sind unter uns und teilen Annehmlichkeiten, aber auch Rechte und Pflichten wie in einer Familie, aber auch einem Staat.
„Fühl dich wie zu Hause“ bedeutet deshalb auch immer, sich den Pflichten wie zu Hause unterzuordnen. Wer Gast in einem fremden Haus, in einem fremden Land ist, muss die dortigen Regeln respektieren und Moralvorstellungen beherzigen. Die lokalen Regeln und Besonderheiten zu kennen ist deshalb ausgesprochen wichtig. Es ist der erste Schritt, die Umsetzung und Unterordnung der zweite Schritt.
Vergangenen Samstag haben wir in Stuttgart erlebt, wie unsere Gastfreundschaft, wie Willkommenskultur aufs Schändlichste missbraucht wurde. Ich bin mir sicher, dass die lokalen Regeln und Besonderheiten den Tätern, gleich welcher Herkunft, bekannt sind. Der zweite Schritt, wo bleibt er? Er wird nicht gemacht. Die an der Aktion Beteiligten bleiben ihn schuldig. Mit brutalster Gewalt fiel die Meute von rund 500 jungen Männern in die Innenstadt ein, missachtete nicht nur Recht und Gesetz, sondern auch die Gastfreundschaft dieser Stadt und all der Menschen hier. Wer Eigentum in voller Absicht zerstört, wer aus vollem Lauf und mit voller Kraft einen Menschen anspringt, wer einen bereits am Boden Liegenden auch noch mit Fußtritten gegen den Kopf traktiert, dem ist Leib und Leben des anderen nichts wert, er nimmt dessen Ruin, ja sogar dessen Tod in Kauf. Wer solch rohe Gewalt ausübt, wer Leben und Lebensgrundlage der anderen auf derart verabscheuungswürdige Weise missachtet und im wahrsten Sinn des Wortes mit Füßen tritt, für den endet die Gastfreundschaft. Vertrauensvorschuss und Kreditwürdigkeit hat er für immer verspielt.
In ihrem Buch „Gastfreundschaft“ schreibt die britische Autorin Priya Basil: Wir alle beginnen als Gast. Hilflose kleine Wesen, denen bei allem geholfen werden muss, die lange nichts oder nur sehr wenig zurückgeben können, aber die sich dennoch – so die Dinge ihren üblichen Lauf nehmen – tief in das Leben derer, die sich um uns kümmern, einschmuggeln und für immer einen Platz in ihrem Herzen einnehmen… Die Erwartung, dass wir unsererseits verlässlich werden, rechtfertigt unsere frühe Abhängigkeit. In Wirklichkeit heißt erwachsen zu werden vielleicht, zu lernen, mehr Gastgeber als Gast zu sein: sich ebenso sehr um andere zu kümmern, wie andere sich um uns kümmern, oder sogar noch mehr… Ganz gleich, ob man Kinder hat oder nicht, dem allgemeinen Übergang von Gast zu Gastgeber, dem Kennzeichen von Reife, kann niemand so leicht ausweichen.
Mich treibt nicht erst seit letztem Samstag die Frage um, was wir zum Erwachsenwerden, zur Reife unserer Gäste beitragen können – seien es unsere eigenen Kinder, seien es all diejenigen, die in unser Land kommen, um Frieden zu finden. Denn davon bin ich bisher ausgegangen, dass dies ihr Motiv war, weshalb sie den zumeist langen beschwerlichen Weg auf sich genommen hatten. Sollen wir „fühl dich wie zu Hause“ jetzt etwa mit „du darfst tun, was du willst“, „du darfst alles kaputt machen“, „du darfst deiner blinden Zerstörungswut freien Lauf lassen“, „du hast die Macht und darfst mich sogar töten“ übersetzen?
Die Weisen aller hohen Kulturen, schreibt Guardini in seinem Traktat „Die Macht“, haben von der Gefahr der Macht gewußt und von ihrer Überwindung gesprochen. Ihr letztes Wort ist das der Maßhaltung und Gerechtigkeit. Die Macht verführt zur Selbstüberhebung und zur Mißachtung des Rechts;…Jesu ganzes Dasein [dagegen] ist Übersetzung der Macht in Demut… Macht, so vollkommen sich selbst beherrschend, daß sie fähig ist, auf sich zu verzichten. Und weiter unten bringt er das zum Ausdruck, was unsere Gesellschaft heute wohl im Besonderen kennzeichnet: Die Familie verliert ihre gliedernde und ordnende Bedeutung. Gemeinde, Stadt, Staat werden immer weniger von Familien, Verwandtschaften, Arbeitsgruppen, Ständen usw. getragen. Immer mehr erscheinen die Menschen als eine in sich gestaltlose Vielheit, die zweckhaft organisiert wird… Organisation allein schafft aber kein Ethos… Das Verschwinden der unmittelbar wirksamen ethischen Bindungen ist es, was den Menschen endgültig an die Macht ausliefert.
Es ist allerhöchste Zeit, dass wir alle, auch staatlichen Kräfte, die sich derzeit gegenseitig stärken und in Gang setzen, unterstützen, um dieser Macht, die sich ausbreitet, Paroli zu bieten. Ich weiß, die Tore, auch die unserer Herzen, zu verschließen, ist keine Lösung. Und schon gar nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Gerade weil mir im Augenblick Vertrauen und Zuversicht in einen Gott des Friedens schwerfallen, bitte ich Sie, mit mir um Frieden und Mitmenschlichkeit, um das Ende dieser Art von Macht, aber auch um den Fortbestand von Gastfreundschaft zu beten:
Gott, wir sehnen uns nach Frieden, nach einer Welt, in der jeder Mensch Platz hat, in Würde zu leben, in der sich Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen mit Achtung und Wertschätzung begegnen, nicht mit Hass und Verachtung, in der wir uns freuen können an der Vielfalt von Menschen, Völkern und Kulturen und an der Begegnung mit ihnen.
Gewalt, Terror und Hass, sei bei allen, die auf der Flucht sind und Herberge und Gastfreundschaft in der Fremde suchen, sei bei allen, die Angst haben und sich sorgen um ihr Leben, um ihre Lieben, um ihre Zukunft, um die Menschlichkeit in dieser Welt.
Gott, hilf uns, dir zu vertrauen, dass du der Gott der Barmherzigkeit bist, der Gott der Liebe und des Friedens. Hilf uns, dir zu glauben, dass Liebe und Menschlichkeit stärker sind als Hass, Verachtung und Abschottung. Hilf uns, dass wir uns nicht durch Terror und Gewalt dazu verleiten lassen, unser Herz zu verschließen und anderen Menschen nur noch mit Angst, Misstrauen und Ablehnung zu begegnen. Lass uns den Mitmenschen sehen in jedem, der in seiner Not zu uns kommt.
Gott, lass uns mit deiner Hilfe in dieser zerrissenen Welt Zeichen sein für Frieden, Gastfreundschaft und Mitmenschlichkeit. Amen.

Christa Krämer, Stuttgart


Eine Liste aller „Sonntagsgedanken 2020“ finden Sie » hier.


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