Sonntagsgedanken, 2. August 2020


Mooshausen – Wort zum Sonntag
2. August 2020, 18. Sonntag im Jahreskreis

So war das damals, als das Fernsehen noch nicht den Alltag beherrschte, da wurde am Samstag mit der Pfarrjugend die Komplet gesungen und der für Liturgie aufgeschlossene Kaplan erschloß die Meßtexte für den Sonntag. Dabei haben wir mitbekommen, daß für einen jeden von uns in der Liturgie ein Zuspruch fürs Leben „drin“ war. Mit Stolz trabten wir dann mit unserem „Schott“ unter dem Arm zur Sonntagsmesse und schauten während der Woche auch schon einmal in das aufschlußreiche Buch wegen der Liturgie zu den Hoch- und den Heiligenfesten.
Heute im Jahr 2020 ist alles anders. Durch die vom 2. Vatikanum eingeleitete Liturgiereform wurde „der Tisch des Wortes Gottes reicher gedeckt“. Es gab künftig die Lesejahre A, B, C, aus dem einen Schott wurden drei Bände. Aus verschiedenen Gründen entfielen die samstäglichen Liturgievorbereitungen mit der Folge einer geringeren Kenntnis der Fülle an Zuspruch aus der Eucharistiefeier am Sonntag. Die Prediger setzten in der Regel den Schwerpunkt auf das Evangelium, auf eine der beiden Lesungen oder, was selten vorkommt, auf eines der klassischen Tagesgebete. Es war auch nicht einfach, in der Predigt eine inhaltliche Verbindung zu den beiden Lesungen und dem Evangelium darzulegen.
Es wurde auch nicht immer klar, daß es sich bei den Lesungen und dem Evangelium um Fortsetzungen aus den jeweiligen biblischen Texten handelte. Gelegentliche Hinweise vonseiten des Predigers wären zu diesem Punkt sehr hilfreich gewesen.
In der nachfolgenden Betrachtung wird der Blick auf die 2. Lesung gerichtet. Kontinuierlich werden seit dem 11. Sonntag im Jahreskreis, dem 14. Juni, bis zum 24. Sonntag im Jahreskreis 2020 ausgewählte Passagen aus dem Römerbrief des Apostels Paulus gelesen. Wann immer aus der Heiligen Schrift gelesen wird, ist es „das lebendige Wort Gottes“, das hier und heute an uns, an mich gerichtet ist. Den ganzen Römerbrief einmal im Zusammenhang zu lesen öffnet einen weiten Horizont zur Theologie des hl. Paulus. Einzelne Passagen herausgenommen sind eindrückliche Zusprüche zum Leben aus Jesus Christus. So in der heutigen Lesung Röm 8,35.37-39: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“
Beim Nachzählen möglicher Trennungsgründe kommt man auf die Zahl 17. Ein Register für eine Analyse der Zeit des hl. Paulus gilt auch für unsere bedrohte und bedrängte Gegenwart. Die täglichen Nachrichten aus aller Welt bezeugen die Gefahrenquellen, aber auch die Tapferkeit von christlichen Gemeinschaften und Personen, die sich nicht von der Liebe Christi abtrennen lassen.
Die aktuellen Daten 2020 der kontinuierlichen Lesungen aus dem Römerbrief erinnern auch an drei Sonntage, die bis heute in der Erinnerungskultur eine bedeutende Rolle spielen. Es sind die Sonntage 26. Juli, 2. August und 9. August. Im Jahr 1942 waren es die Sonntage der Verlesung des Protest-Hirtenbriefes der niederländischen Bischöfe zur Verhaftung der katholisch getauften Juden in den Niederlanden und der Ermordung Edith Steins mit ihren Gefährten sowie vieler anderer Männer, Frauen und Kinder in Auschwitz-Birkenau.
Am vergangenen Sonntag (26. Juli) begann die Lesung Röm 8,28 mit den Worten: „Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“. Mehrfach wies Edith Stein darauf hin, wie sehr dieses Wort in dem bedrückenden Jahr 1933 sie getröstet habe.
Das gewaltige Zeugnis des Apostels Paulus und der Glaubenstreue verfolgter Christen in Vergangenheit und Gegenwart lädt in der heutigen Lesung eindringlich dazu ein, besonders der Männer und Frauen zu gedenken, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihren „Kopf hingehalten haben“. – „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi?“ So viele, deren Namen wir kennen, auch der Namenlosen, haben ihre Treue mit dem Leben bezahlt. Es sollte uns heute ein ernstes Anliegen sein, das Gedenken und Danken in würdiger Form in die Gegenwart und in die Zukunft zu tragen.
Das Jahr 1942 war noch weit vom 2. Vatikanum entfernt. Es galt eine andere traditionsreiche Perikopenordnung. Die Verlesung des Hirtenbriefes der niederländischen Bischöfe am 26. Juli erfolgte am damaligen 9. Sonntag nach Pfingsten. Im Mittelpunkt stand das Evangelium „Jesus weint über Jerusalem“ (Luk 19,41-47). „Wenn doch auch du es erkannt hättest, und zwar an diesem deinem Tag, was dir zum Frieden dient.“ Diese Perikope wurde leider bei der Liturgiereform gestrichen. Sie kommt an keinem der Sonntage der A–B-C-Lesejahre mehr vor. Warum? Wann immer dieses Evangelium verkündet wird, ist es doch „an diesem deinem Tag“ und in die Gegenwart gesetzt. In Deutschland sollten wir nicht vergessen, daß es liturgisch mehrfach in der Nähe verhängnisvoller Tage stand.
Pfarrer Josef Weiger schrieb 1935 rückblickend auf das Jahr 1917: „Wir können und sollen das Evangelium dieses Sonntages nicht vergessen. Am neunten Sonntag nach Pfingsten war es — er fiel im Jahre 1914 auf den 1. August — daß der furchtbare Krieg, von dem durch Jahre so viel gesprochen worden war, Tatsache wurde. Mit einem Male war er da, fast möchte ich mit dem Evangelium sagen, wie ein Dieb in der Nacht. So wird einmal der Tod da sein, plötzlich, auch wenn wir viel an ihn gedacht und viel von ihm gesprochen haben; ein ungebetener Gast. Der Krieg also war da, und noch ist mir, als hätte ich gestern das Unheil verkündende Evangelium gelesen. Noch spüre ich, wie ich einen Augenblick stockte und mir die Worte nicht über die Lippen wollten: „Siehe, es kommen Tage, da werden deine Feinde dich mit einem Wall umgeben und dich einkreisen; sie werden dir von allen Seiten mit Angst zusetzen; sie werden dich und deine Kinder zu Boden schmettern; sie werden in dir keinen Stein auf dem andern lassen, weil du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“ Das klang an jenem strahlend schönen Sonntagmorgen wie eine düstere Weissagung, wie ein warnender Posaunenstoß.“
Es war ein warnender Trompetenstoß auch über die Zeit der Niederschrift hinaus.
1938: Gertrud von le Fort veröffentlichte den Roman „Die Magdeburgische Hochzeit“, eine Vorausschau der Gräuel des 2. Weltkrieges. Pastor Dr. Bake predigt im Magdeburger Dom zum 10. Sonntag nach Trinitatis über die Zerstörung Jerusalems.
1939 fiel der 9. Sonntag nach Pfingsten auf den 30. Juli. Genau einen Monat später, am 1. September, begann der 2. Weltkrieg. Das Evangelium vom 3. September, dem 14. Sonntag nach Pfingsten, enthielt auch Jesu Warnung: „Niemand kann zwei Herren dienen.“
1941 protestierte Bischof Clemens August von Galen am 3. August mit Bezug auf das Evangelium in der St. Lamberti-Kirche in Münster gegen die Euthanasie-Gesetze der Nationalsozialisten.
1942, am 26. Juli , wurde der Protest-Hirtenbrief der niederländischen Bischöfe verlesen.
Im Ringen um den weltweiten Frieden sollten wir aufmerksam sein für alles, was den Frieden bewirken kann. Kriege, Gewaltherrschaften entstehen nicht von einem Tag auf den anderen. Sie haben längere oder kürzere Phasen der Entwicklung und Vorbereitung. Wann sind die Chancen zur Verhinderung der politischen Katastrophen verpaßt worden? Warum wurden die Stimmen der Propheten, die gewarnt und beschworen haben, nicht gehört? Viele der Propheten und Warner wurden umgebracht. In all dem steckt auch ein vielsagender Bezug zur Corona-Pandemie.

Edith Stein sagte 1933 in einem Vortag über Jugendbildung: „Die Liturgie ist das immerwährende Gedächtnis seines [Christi] Lebens, dessen Ereignisse sich in dem großen Weltdrama des Kirchenjahres immer aufs neue vor uns abspielen.“

Zum Schluß nochmals eine Anmerkung zum 8. Kapitel des Römerbriefes. Bei den großen evangelischen Komponisten fanden verschiedene Verse beeindruckende musikalische Umsetzungen. An dieser Stelle sei hervorgehoben die Kantate Dietrich Buxtehudes (BuxWv 77): „Nichts soll uns scheiden von der Liebe Gottes“, neu in Verse gefaßt von dem Lieddichter August Wilhelmi.
Die Musik kann abgerufen werden:
https://www.youtube.com/watch?v=rupOYrKnJ20
https://www.youtube.com/watch?v=LZ2QfLKPSUg
Nichts soll uns scheiden von der Liebe Gottes!
Nichts – nichts –nichts!

Elisabeth Prégardier, Oberhausen


Eine Liste aller „Sonntagsgedanken 2020“ finden Sie » hier.


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