Sonntagsgedanken, 12. Juli 2020


Mt 13, 13,1-23

Corona-Zeit: ein guter Boden für die Saat des Evangeliums? 

Mit dem Gleichnis von dem Sämann, der Saat und den so verschiedenen Böden, aus denen eine Frucht wachsen kann oder nicht, ist uns an diesem Sonntag ein urjesuanischer Bildgedanke vor Augen gestellt. Wie sehr möchte man sich doch ein Aufgehen der Saat des „Wortes vom Reich“ (13, 19) frei von fressenden Vögeln, sengender Sonne und erstickenden Dornen wünschen. Unbeständigkeit, Sorgen des Alltags und trügerischer Reichtum verhindern ein Aufgehen der Saat zu beglückender Frucht. „Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und versteht; er bringt Frucht, hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach“ (13, 23).

Könnte es sein, dass die Corona-Zeit mit ihrem „Lockdown“, ihren Beschränkungen, Quarantänen und auferlegten Verzichten ein guter Boden für die Saat des Evangeliums war und ist? Echte Gottesdienste waren kaum möglich, vieles musste sich mit Virtuellem, mit Streaming und mit Elektronischem begnügen. Die Motivation dazu war bei aller Mühe, die sich gemacht wurde, doch eher schwach. Außer Aufräumen, Lesen, Ausruhen und Gesundheitsspaziergängen blieb wenig Raum für Aktionen, es hieß lange „stay at home“, bevor dann einige auch ihr „stay awake“ riefen. Und doch: wann gab es je eine solche Entschleunigung, eine solche Chance, besinnend ohne Termindruck zu sich selbst zu kommen? Auch diese Zeit konnte nutzlos verplempert werden, aber das unfreiwillige „im selben Boot sitzen“ aller mit oft schwer erträglichen Kontaktbeschränken für Ältere und Kranke hat nicht nur Einsamkeit und teils schwere Spannungen in Beziehungen gebracht, sondern auch neue Wahrnehmungen im Guten und weniger Guten möglich gemacht. Was sonst selbstverständlich war, wurde als Geschenk und Chance erfahren, hoffentlich auch für Kinder und Jugendliche ohne Schulen. Es konnte in der Enge eine befreiende Weite und eine Neuentdeckung der göttlichen Dimension geben. Viele entdeckten neu die Bibel und die Literatur (nicht nur Albert Camus‘ „Die Pest“), waren vielleicht selbst schreibend tätig und mit der Aufarbeitung dieser ungewöhnlichen Zeit beschäftigt. Es gab die Chance, sich in der „Abgeschiedenheit“, von der Meister Eckhart sprach, selbst neu zu entdecken und sich selbst zu evangelisieren. Die Frucht im wachsenden Reifen der eigenen Person und des eigenen Umfeldes, viele ehrliche Gespräche, zu denen es sonst nur selten kommt, können dann nach der Corona-Erfahrung auch das fruchtbare Evangelisieren anderer motivieren und bestärken. Unsere Zeit, unsere Gesellschaft und unsere Kirche brauchen diese Frucht der echten Freude mehr denn je.

Gestern, am 11. Juli, war das Fest des heiligen Mönchsvaters Benedikt von Nursia, den die Päpste zum ersten Patron Europas ernannt haben. Seine kluge Regel hat dem Kontinent viele geistliche Zentren geschenkt, in denen abseits von den Mühen und dem Lärm des Alltags schon vor Corona in Stille und Abgeschiedenheit Jüngerschaft, Nachfolge und Lob Gottes fruchtbar gelebt wurden. Dem „Ora et labora – bete und arbeite“ konnten sich auch weltliche Christen anschließen. Der gute Boden des Benediktinischen hat Europa geprägt. Auch Romano Guardini stand als Liturgiker und Pädagoge in engem Kontakt mit Benediktinerklöstern wie Maria Laach und Beuron. Für ihn war Europa schon immer eine Einheit im Christlichen. Ein vielzitierter Satz von ihm lautet: „Europa wird christlich sein, oder es wird nicht mehr sein“. Der Samen des „Wortes vom Reich“ und des Evangeliums kann heute und künftig auch Frucht bringen durch die vielen von Guardini wie leuchtende Sterne einer Europafahne vorgestellten Autoren. So wie er als Italiener und Deutscher mit Rilke und dem Griechenfreund Hölderlin in der Mitte steht, so umkreisen ihn im Süden Augustinus und Dante, im Westen Pascal, im Norden Kierkegaard und im Osten Dostojewski. Sie alle sind unverdorbener Same, der auch in späten Zeiten fruchtbar aufgehen kann, wenn er auf guten Boden trifft. Corona-Zeit kann auf den großen Fehlbetrag der Gegenwart hinweisen, den „veruntreuten Himmel“ (Franz Werfel).

Dieses Jahr 2020 ist nicht nur das Corona-Jahr, sondern auch ein Hölderlin-, Beethoven- und Hegel-Jahr. Viele Feiern dazu mussten ausfallen, was aber nicht die eigene fruchtbare Rezeption der Jubilare zu hindern vermag. Wer die erzwungene Auszeit nutzt, um sich großer europäische Kunst, Literatur und Musik zu widmen, der ist auch für das Große des Glaubens wieder offener und wird mit Mut und Zuversicht den gemeinsamen Weg („syn-odos“) in die Zukunft gehen. Vieles Unfruchtbare kann dabei hinter sich gelassen oder dem Feuer übergeben werden. Corona-Auszeit ist auch eine Einladung an die Jugend, immer neu den Geist der Unterscheidung zu finden, den Weg der Nachfolge Jesu zu gehen. Vieles ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. Mehr als sterile Statistik, Struktur und Organisation prägt der fruchtbare Geist des Schönen, Wahren, Guten und Heiligen das Leben der Kirche in Europa und in der globalen Welt.

Stefan Hartmann, Bamberg


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